Das verschwundene Gottscheer-Land

Von Clara MelcherDas Gottscheer Land, das heute in Slowenien liegt, wurde über 600 Jahre von einer deutschen Volksgruppe besiedelt. Gitte Dornig wurde 1933 in der Stadt Gottschee geboren und kehrte im Zweiten Weltkrieg “heim ins Reich”. Wie der Großteil der ehemaligen BewohnerInnen der deutschen Sprachinsel in Slowenien fand sie in Österreich ihr neues Zuhause. Eine Geschichte über eine Volksgruppe, mit der jahrelang Grenzenpingpong veranstaltet wurde, und die im gemeinsamen Raum zwischen Mur, Adria und Drava eine Heimat fand. 

Ein Anwesender nach dem anderen erhebt sich, um zwischen den Sesselreihen hindurch zum Podest zu gehen, gestützt von den Jüngeren. Dort erwartet sie eine Bühne mit einem Mikrofon und einem Hocker für diejenigen, die ihre durchwegs im Plusquamperfekt gehaltenen Erzählungen nicht mehr stehend wiedergeben können. Die Sekunden des Wegbahnens sind die einzigen Augenblicke, die sich am Abend des 27. Juli nach Gegenwart anfühlen. Nur da bleibt kurz Zeit, den Blick aus den Fenstern der holzvertäfelten Gaststube des Kirchenwirts in Mariatrost über Graz 2019 schweifen zu lassen, bevor sich die ZuhörerInnen wieder durch die Erinnerungen an einem anderen, weit entfernten Ort wiederfinden. Was die vorgetragenen Gedichte, Gesänge und musikalischen Darbietungen gemeinsam haben, ist ihr Schauplatz. Die PoetInnen und DarstellerInnen haben an besagtem Abend zusammengefunden, um im Rahmen des Kulturabends der Gottscheer Gedenkstätte Graz-Mariatrost die Bühne mit ihren persönlichen Kindheitserinnerungen zu füllen. Es sind Erinnerungen an das Gottscheer Land, das sie ihre Heimat nennen.

Die drei Schwestern stammen aus einer Gottscheer Familie, und nehmen seit Jahren an den Treffen der Gottscheer Gedenkstätte in Graz teil. In Gottscheer Mundart gibt das Trio ein Heimatlied preis. – Video: Clara Melcher

Das Gottscheer Land ist gut 270 Autobahnkilometer von Graz Mariatrost entfernt. Die Strecke führt über eine Grenze, die erst nach dem Ersten Weltkrieg gezogen wurde. Denn in den vergangenen Jahrhunderten waren die Gebiete, die Slowenien und Österreich aktuell auf der Landkarte für sich beanspruchen, alle unter der Herrschaft der Habsburger vereint. Erst im Friedensvertrag von St. Germain 1919  wurden die karstigen Felsrücken der Karawanken im Süden von Kärnten, die Windischen Bühel und die steirische Grenzmur als Grenze zwischen dem heutigen Slowenien und Österreich festgelegt. Doch kein 2237 Meter hoher Hochstuhl, kein Mäander der Drau und keine Strömung der Mur war Hürde genug, um die Volksgruppen für ewig voneinander zu trennen. Auf beiden Seiten der künstlich gezogenen Staatsgrenze zwischen Österreich und Slowenien wird sowohl Deutsch als auch Slowenisch gesprochen.

“Dü hoscht lai oin Höimöt” – Nicht jedes Wort, das aus den Mündern der Gottscheer kommt, ist verständlich, denn die Senioren können ihr Steirisch in Sekundenschnelle mit dem Gottscheer Dialekt austauschen. Doch die mittelhochdeutschen Sätze und das nostalgische Feuer in den Augen der Vortragenden genügen, um die hölzerne Wand hinter ihnen zu einem karstigen Waldgebiet werden zu lassen. In Gedanken auf der Holzbank vor ihrem Geburtshaus sitzend, werfen sie einen Schleier der Vergangenheit über den Raum im Kirchenwirt und berauschen sich gemeinsam an Erinnerungen an ihre verlorene Heimat.

Tanzvorführung der Gottscheer Volkstanzgruppe des Gottscheer Altsiedlervereins in Krapflern/Obcice unter der Leitung von Urska Kop. – Video: Clara Melcher

Plusquamperfekt: Wie es hätte bleiben können

Auch Brigitte Hübner-Dornig (Gitte) erinnert sich gerne an ihre “erste Heimat” zurück. Auf ihrer von Nadelbäumen gesäumten Terrasse am Grazer Geidorfplatz erzählt sie von ihrer Kindheit als Gottscheer Mädchen. Gitte wurde 1933 als Tochter eines Fotografen und Musikers in Gottschee, heute Kočevje,  geboren. Die Stadt entwickelte sich während der jahrhundertelangen deutschen Besiedlung des gut 800 Quadratkilometer großen Karstgebiets im heutigen Slowenien zur Hauptstadt der deutschen Sprachinsel. Geschichtsbücher belegen, dass die Oberkärntner Grafen von  Ortenburg im Gottscheer Land ab 1330 n. Chr. deutsche Bauern aus Kärnten und Osttirol ansiedelten. Die Bauern begannen, das Waldgebiet zu bewirtschaften und errichteten in den 600 Jahren bis zu Gittes Geburt zahlreiche Dörfer. Eines von ihnen wuchs zur Stadt heran. 

Das Gebiet der Sprachinsel Gottschee im österreichischen Kronland Krain, 1878. – Foto: Wikipedia

Das Bild von Gottschee hat sich bis heute in Gittes Gedächtnis gebrannt: „Die Kirche mit zwei Türmen und das Schloss Auersperg dominierten die Stadt. Überall gab es Warenhäuser, Gasthöfe und Villen, mitten in schönen Baumalleen gelegen.“ Durch die künstlerische Ader ihres Vaters nahm sie schon als Kind den Kulturreichtum wahr, der die Stadt prägte. In den stark landwirtschaftlich geprägten Dörfern ringsum wehte allerdings ein anderer Wind – der Großteil der Gottscheer lebte in sehr einfachen Verhältnissen. Die Kinder der Landwirte beobachteten von ihrem Arbeitsplatz auf dem Feld aus die Stadtbevölkerung, die sonntäglich in großen Gruppen Ausflüge in naheliegende Dörfer unternahm. „Burgazockerlein“, nannten sie Gitte und ihre Kameraden: Die Bürger aus der Stadt, die „dahergezockelt“ kamen. 

Der Gottscheer Dialekt wird von der UNESCO heute als stark bedrohte Sprache eingestuft. Typisch Gottscheerisch wurde „lai“ am Land geredet. Die Sprache der Städter weist unter anderem Spuren des Italienischen, Slowenischen und Französischen auf: „Meine Großmutter verabschiedete sich stets mit ‘Adieu’ und bestellte beim Bäcker immer eine ‘Struze’ Brot.“ Gitte erzählt, dass die Gottscheer innerhalb der deutschen Sprachinsel zwar hauptsächlich unter sich blieben – der slowenischen Sprache war sie nie mächtig –, doch “das Meer” an Slowenen im Umland ignorierte die Familie Dornig nie. „Mein Vater erzählte einst beim Mittagessen von seinem Arbeitstag als Fotograf. Er hatte ein slowenisches Hochzeitspaar fotografiert, woraufhin der Bräutigam sagte: ‚Der Dornig, das ist auch unser Fotograf. Also auch der Fotograf der Slowenen, nicht nur der Fotograf der Gottscheer.‘ Ist das nicht gelungen?“

Gitte Dornig im Jahr 2019. – Foto: Clara Melcher

Perfekt: Wie sich das Leben in Gottschee verändert hat

1918 endete der Erste Weltkrieg. Somit näherte sich der SHS-Staat den Ufern der deutschen Sprachinsel Gottschee. „Deutsche Schulen und Vereine wurden eingestellt, meine Großmutter verlor deshalb ihren Lehrposten“, erinnert sich Gitte. In den kommenden zwanzig Jahren machte sich die nationalsozialistische Ideologie im deutschsprachigen Raum breit. „Heim ins Reich“, hieß es in Gottschee fortan. „Wir haben uns das nicht ausgesucht“, beteuert die gebürtige Gottscheerin. „Wir sind unter Druck gesetzt worden. Uns ist so viel versprochen worden, zum Beispiel, dass wir die Unterdrückung durch die Slowenen loswerden.“ Selbst hat sie diese Unterdrückung in ihrer Kindheit allerdings nie zu spüren bekommen: „Klar sind Dinge verboten worden. Aber über Hintertüren haben wir immer einen Weg gefunden, weiter unsere Gottscheer Kultur zu leben.“ Deswegen kommt Gitte zu dem Schluss, dass eigentlich Hitler das Gottscheer Volk “am Gewissen” hat. „Durch seine Rassenideologien wurden wir Volksgruppen gegeneinander aufgehetzt. Er hat unser Gottscheer Leben zerstört.“

Mit einem Vertrag zwischen Adolf Hitler und Benito Mussolini wurde im Oktober 1941 die Umsiedlung der Gottscheer, die sich zum damaligen Zeitpunkt auf italienischem Besatzungsgebiet befanden, ins “Großdeutsche Reich“ beschlossen. Erschrocken stellten die Gottscheer bereits im April 1941 fest, dass sie, entgegen ihrer Annahme, nicht von den Deutschen abgeholt werden würden. „In der Stadt war alles voller Hakenkreuze und Weinfässer für die deutschen Soldaten, die wir erwarteten.“ An einen jungen Burschen, der mit weit aufgerissenen Augen durch die Straßen gelaufen kam, und den Gottscheern zurief: „Die Italiener kommen!“, wird sich Gitte ihr Leben lang erinnern können. Fortan teilten sich die Gottscheer ihre Häuser mit italienischen Soldaten und Familien. Es sei schlussendlich ganz nett gewesen, erinnert sich Gitte. „Aber dass wir auf Wunsch des italienischen Unteroffiziers einen Haustürschlüssel anfertigen lassen mussten, ging mir als Gottscheer Mädchen nicht in den Kopf. Wir haben daheim doch in all den Jahren nicht ein einziges Mal abgeschlossen!“

Gesang des Gottscheer Altsiedlervereins beim Gottscheer Kulturabend im Juli 2019. – Video: Clara Melcher

Die Frage, ob und wieweit die Gottscheer bloß Befehlen der deutschen und italienischen Mächte folgten oder auf die Umsiedlung im Vorfeld aktiv hinarbeiteten, wird bis heute diskutiert. Georg Marschnig, Vortragender für Geschichtsdidaktik an der Karl Franzens Universität in Graz, arbeitete das Thema der Umsiedlung der Gottscheer in seiner Dissertation „Gottschee Global“ auf. Er unterstreicht Gittes Aussage, dass die Rassenpolitik auch in der deutschen Sprachinsel Land gefasst habe, und berichtet von der „Namensanalyse“, die Eltern mit slawischem Namen verbot, ihre Kinder in deutsche Schulklassen einzuschreiben. 

Innerhalb der Gottscheer Bevölkerung machten sich die sogenannten „Erneuerer“ breit. Laut Marschnig war es ihr Ziel, „eine Volksgruppe zu schaffen, die sich als Vorposten des Reiches fühlen.“ Außerdem formierte sich eine „Volksgruppenführung“, die sich aus Gottscheer Jugendlichen zusammensetzte und ein wirtschaftliches und „völkisches“ Weiterbestehen der Gottscheer sichern wollte. Der Umsiedlungsbefehl, der die Volksgruppe vor dem Untergang bewahren wollte, sei von den deutschen Autoritäten in Absprache mit ihnen bewilligt worden. Marschnig räumt jedoch die Frage ein, auf welcher Basis die Volksgruppenführung überhaupt für ihre Landsleute sprechen konnte. Der Großteil der Gottscheer hätte nicht gewusst, was eine Umsiedlung überhaupt bedeutete, und wo sie ein neues Zuhause finden sollten. 

Doch in den Vereinen der Gottscheer finden sich gelegentlich auch Stimmen, die beteuern, dass es Unterstützer von Hitler in Gottschee gegeben habe. Bobbi Thomason ist die Enkelin einer Gottscheerin, die, wie viele Bewohner der Sprachinsel, 1941 nach Amerika auswanderte. Gemeinsam mit Helen Meisl, ihrer Oma, besuchte sie das heutige Gottschee in Slowenien. In ihrem Reisebericht schreibt Bobbi: „Es gab zweifelsohne Unterstützer von Hitler in Gottschee. In der ‘Gottscheer Zeitung’, dem lokalen Blatt, waren Überschriften wie ‚Wir wollen ein Heim im Reich‘ zu lesen.“ Dass sich die Gottscheer als Opfer des Nationalasozialismus positionieren, entspricht also vielleicht nicht der ganzen Wahrheit.

Präteritum: Was aus der Umsiedlung wurde

In ihrem grün-nadeligen Waldgarten setzt Gitte ihre Erzählung fort. Nun ist sie in ihrer Präteritums-Lebensphase angekommen. Nur noch ein Zwischenstopp trennt sie von ihrer Endstation in Graz. Dank ihrer lebendigen Erzählweise könnte man meinen, man befinde sich nach wie vor auf einer sonnigen Holzbank vor ihrem Elternhaus. Wären da nicht die Feinstaubpartikel, die sich während des Gesprächs in der Lunge ablagern und an den umliegenden Stadtverkehr erinnern. Gitte und ihre Eltern fuhren im Jahr 1942 mit einem Personenzug nach Rann/Brežice, um ihr neues Heim in der „Untersteiermark“ zu beziehen: „Bei der Ankunft waren wir ziemlich erschrocken. Die Wohnung, die uns zugewiesen wurde, war viel kleiner, als uns noch in Gottschee versprochen worden war.“ Die Slowenen, in deren Häuser die Gottscheer einziehen sollten, waren zuvor von Soldaten vertrieben worden. Der jähzornige Vorbesitzer ihres neuen Zuhauses hat sich in das Gedächtnis der jungen Gitte gebrannt: „Wir wurden immer wieder gewarnt, dass er uns umbringen wird, sobald der Krieg vorbei ist“, erzählt sie, den Blick ins Leere gerichtet.

Die Erinnerungen an ihre Schuljahre in Rann sind von Flucht vor Bombern, Erkundungen von Stellungsgräben und Unterrichtsstunden in Baracken geprägt. Kurz nachdem Gitte von ihrem Kinderzimmer aus im Jahr 1945 leere Lastwagen heimkehren sah, liefen ihre Freundinnen aufgeregt zu ihr, um ihr freudig zu berichten, dass es ab jetzt alle Lebensmittel umsonst gäbe. „Die Kaufleute haben versucht, vor der Einnahme der Stadt noch alles loszuwerden.” Gemeinsam stürmten die Mädchen in die Innenstadt, um sich zu sichern, was sie in die Finger bekommen konnten. „Wir haben uns viele Eier geholt und den Dotter mit Zucker aufgeschäumt. Das war unsere Lieblingssüßigkeit.“ Während die Mädchen ihre zuckerverklebten Löffel in der Küche abschleckten, war im Wohnzimmer der Kalendermonat Mai des Jahres 1945 aufgeschlagen. Drei Tage später verließ Gitte mit ihrer Mutter die Stadt, um vor den Partisanen zu flüchten und sich auf die Reise nach Graz, in ihr heutiges Präsens, zu begeben. 

Präsens: Grenzen verblassen

Steinernes Schweigen. Das rauchige Grau der Atlas-Statue, der das dreistöckige Haus in Ljubljanas Innenstadt stützt, vermittelt den Eindruck, als wären die Vereinsräume im Inneren einer gewissen Elite vorbehalten. Sein an den Mund gehobener Zeigefinger mahnt zu Diskretion, so als gingen hinter der weißen Fassade höchst geheime Machenschaften vor sich. Ein kurzes Betätigen der Klingel reichte aus, um von Christian Lautischer in das sogenannte „Schweigerhaus“ eingelassen zu werden. Der blonde Mann in den Zwanzigern bietet, in der Mitte des meterhohen eisernen Tores stehend, einen interessanten Kontrast zu dem über ihm thronenden Atlanten. Die Schlüssel zu dem historischen Gebäude hat Lautischer, weil er Vorsitzender des Vereins „Verband der deutschsprachigen Kulturvereine in Slowenien“ ist, der von dem stattlichen Haus beherbergt wird. Wo es deutschsprachige Kulturvereine in Slowenien gibt, muss es auch Deutschsprachige geben: „Richtig. Denn nicht alle sind geflüchtet. Die Zahl der Angehörigen der deutschsprachigen Volksgruppe in Slowenien wird derzeit auf 2000 geschätzt“, bestätigt Lautischer.

Das Schweigerhaus in Ljubljana. – Foto: Clara Melcher

„Im heutigen Slowenien bilden die Gottscheer nur noch einen sehr kleinen Teil der deutschsprachigen Minderheit. Im Gottscheer Land leben geschätzt nur noch etwa 300 Deutschstämmige“, erklärt Lautischer. Gemeinsam mit dem Kulturverein der deutschsprachigen Jugend gibt er ehrenamtlich die Laibacher Zeitung heraus. Die Laibacher Zeitung war mit der Ersterscheinung im Jahr 1778 die erste Zeitung in Laibach/Ljubljana, und zählte zu den einflussreichsten deutschsprachigen Zeitungen im slowenischen Raum. „Mit der ehrenamtlichen Herausgabe soll die Volksgruppenzugehörigkeit auch in den jungen Generationen wieder gestärkt werden”, erklärt Lautischer. Die meisten Slowenen, die Deutsch als ihre Muttersprache bezeichnen, leben in den Regionen Krain und Štajerska. Beide Gebiete fielen nach Ende des Ersten Weltkriegs an den SHS-Staat, gleich dem Gottscheer Land. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs haben es diejenigen, die der deutschen Volksgruppe angehörten, besonders schwer gehabt und sind mehrheitlich vertrieben worden. Denen, die dageblieben sind, sei alles daran gelegen, ihre deutsche Abstammung zu verstecken, erzählt Lautischer. „Die Deutschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg in Slowenien diskriminiert, die Verwendung ihrer Sprache war in der Öffentlichkeit verboten. Aber seit der slowenischen Unabhängigkeit 1991 hat sich das Bekenntnis zur deutschsprachigen Gemeinschaft wieder sichtlich erhöht“, beobachtet er. 1992 wurde der erste Verein für „Sloweniendeutsche“ in Maribor gegründet, immer mehr Vereine kamen in den letzten zwei Jahrzehnten dazu. Um die Vereinstätigkeiten zusammenzuführen und zu koordinieren, gibt es den Dachverband der deutschsprachigen Kulturvereine in Slowenien mit Lautischer als Vorsitzenden. „Für mich ist es wichtig, mit den Dagebliebenen einen guten Kontakt und mit den Heimatvertriebenen ein gutes Einvernehmen zu pflegen. Schließlich teilen wir bis zum Jahr 1945 eine gemeinsame Geschichte. Die junge Generation unterstützt mich in diesem Vorhaben immer mehr.“ Aktuell kämpft die deutschsprachige Minderheit in Slowenien dafür, verfassungsrechtlich als autochthone Minderheit anerkannt zu werden. Dies beinhaltet laut Lautischer eine angemessene Anerkennung der Minderheitensprache im Hörfunk und Fernsehen, sowie finanzielle Unterstützung vom Staat Slowenien, nicht nur vom „Mutterland“ Österreich.  

Zu den Tätigkeiten von Christian Lautischer gehört es, gemeinsam mit den deutschsprachigen Vereinen in Slowenien die Laibacher Zeitung zu veröffentlichen. – Foto: Clara Melcher

Die Politik reagiert mit symbolischem Händeschütteln und Zusammentreffen in gutem Einvernehmen. Alexander Van der Bellen, Bundespräsident der Republik Österreich, sagte im Juni 2019 bei einer Zusammenkunft mit dem Slowenischen Präsidenten Borut Pahor: „Die Grenze zwischen Österreich und Slowenien existiert innerhalb der Europäischen Union de facto nicht mehr.” Auch der slowenische Präsident Pahor äußerte freudig, dass er keine „große offene politische Frage” zwischen den zwei Staaten sehe. Den Minderheitenschutz gegenüber den slowenischen Volksgruppen in Österreich bezeichnete er dennoch als  „winziges Problem”. Um einen positiven Weg in eine gemeinsame Zukunft einzuschlagen, wollen die beiden Staatspräsidenten die Volksabstimmung von 1920, in der sich die Kärntner Slowenen für einen Verbleib in Österreich aussprachen, mit einem gemeinsamen Fest zelebrieren.

Gegenwart: Grenzenlose Heimat

Obwohl sich im Grazer Kirchenwirt am 27. Juli viele „Heimatvertriebene“ tummeln, haben sich auch jüngere Generationen zu dem Kulturabend begeben. Die einen, weil sie mehr über die Herkunft ihrer Familie wissen wollen, die anderen, weil sie in den Heimatlosen so etwas wie ihre Heimat gefunden haben. Gottscheerisch beherrschen die Kinder und Enkel kaum, die Sprache lebt in den gemeinsam gesungenen Liedern weiter. 

Gitte fand in Graz ihre endgültige Bleibe. Sie gründete eine Familie und arbeitete als Büroangestellte in der Versicherungsbranche. Ihre Gottscheer Kultur lebt sie in Form von geschriebener Poesie aus, die die Macht hat, Holzwände hinter Bühnen für kurze Zeit in dichte Nadelbaumwälder zu verwandeln. Wie jene im Kirchenwirt am Abend des 27. Juli. Ob sich Gitte heimatlos fühlt? „Gottschee war meine erste Heimat. Rann in der Untersteiermark war meine zweite Heimat. Und meine dritte Heimat ist Graz.“

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