Die Demokratie-Hacker

Von Nikolaus ZoltanDie slowenische Hauptstadt Ljubljana ist Hotspot der Forschung an Künstlicher Intelligenz. Hier zeigen viele Projekte, wie man neue Technologien zur Stärkung der Demokratie anwenden kann. Das gelingt dank einer Zusammenarbeit von KI-ForscherInnen und AktivistInnen.

“WHOEVER DIES WITH THE MOST STUFF WINS”, steht am T-Shirt von Filip Dobranić. Er sieht aus, als wäre er der US-Serie “Silicon Valley” entsprungen, genau wie der improvisierte Arbeitsplatz hinter ihm: Bildschirme, die auf Pappkartons balanciert sind, vollgeschriebene Whiteboards, Kabelsalat. Dobranić ist einer der Gründer der AktivistInnengruppe Danes je nov dan (Übersetzt: Heute ist ein neuer Tag). Danes je nov dan hat sich im Hekovnik niedergelassen, einer “Start-Up-School”, die mehrere Organisationen und junge Firmen beherbergt. Hekovnik befindet sich in einer ehemaligen Tabakfabrik und besticht durch Coolness: Skateboards in den Gängen, Beleuchtung durch Lichterketten, Sprüche wie “think analytically & question authority” auf den Wänden. Die Zukunft der Räumlichkeiten ist aber ungewiss. Womöglich könnten die neuen BesitzerInnen beschließen, die alte Fabrik einzureißen. Dobranić findet, dass Orte wie die Tabakfabrik für Ljubljana wichtig sind: „Eine Stadt muss cool sein.“

Filip Dobranic
Filip Dobranić findet, die Leute sollen mehr mitbestimmen dürfen – Foto: David Marousek

“Politik ist langweilig”

Das Ziel von Danes je nov dan ist es, Technologie in den demokratischen Prozess einfließen zu lassen. Einerseits passiert dies durch data activism, indem die Freigabe von Datenbanken durch (Stadt-)Regierungen gefordert wird, andererseits setzt sich die Gruppe stark für participatory budgeting ein. Menschen sollen mitbestimmen dürfen, wofür Steuergeld ausgegeben wird. Dafür haben die AktivistInnen ein Open Source-Tool namens consul für Slowenien adaptiert.

“Wahlen alle vier Jahre sind kein Merkmal, sondern ein Fehler funktionierender Demokratie. Bis jetzt ging es einfach nicht besser. Wir finden aber, Demokratie sollte ein kontinuierlicher Prozess sein. Neue Technologien ermöglichen die Umsetzung von Ideen, die händisch viel zu aufwendig wären.

Filip Dobranić

Eines der Prestigeprojekte von Danes je nov dan ist das Parlameter, ein Tool, das Transkripte und Abstimmungsergebnisse von Parlamentssitzungen analysiert und visualisiert. “Einerseits kann jeder einen rohen Datensatz lesen, andererseits macht das niemand. Deshalb wollen wir komplexe Statistiken auf einen Blick verständlich machen.” Hier kommt die Künstliche Intelligenz ins Spiel: Stimmen, die vom bisherigen Abstimmungsverhalten von Abgeordneten abweichen, werden vom Programm automatisch markiert. Das könnte man auch händisch machen, würde aber viel Zeit kosten. “Schicke nie einen Menschen, um den Job einer Maschine zu machen”, heißt es auf der Webseite von Parlameter, das schon in vier Ländern – Slowenien, Kroatien, Polen sowie Bosnien und Herzegowina – im Einsatz ist.

Dobranić versteht aber auch, warum Menschen nicht täglich mit Demokratie in Berührung kommen wollen: “Politik ist langweilig”, gibt er offen zu. Das Start-Up hat aber viele Ideen, das zu ändern: ein Browser-Spiel ohne Happy End, das auf den Stacheldrahtzaun an der kroatischen Grenze hinweisen soll. Eine täglich erscheinende Kolumne über in den Medien unterrepräsentierte Themen. Ein experimentelles Tool, das mittels semantischer Analyse (hier hilft wieder Künstliche Intelligenz) Aussagen auf Glaubwürdigkeit überprüfen soll. Das sind nur einige Projekte, die Danes je nov dan schon umgesetzt hat.

Eine weitere Idee ist ein Browser-Plug-In, das mittels Farben media bias – sozusagen die politische Neigung – eines Nachrichtenartikels anzeigen soll. Noch ist die Idee nicht umgesetzt – wie bei vielen Projekten von Danes je nov dan ist die Finanzierung nicht gesichert. Wenn es gerade an Geld fehlt, verwandelt sich die Gruppe in eine “Digital Agency” und entwickelt kommerzielle Produkte für AuftraggeberInnen aus der Privatwirtschaft. “Weil wir pleite sind, müssen wir erstmal den Sommer überleben, dann geht es wieder weiter mit Aktivismus”, sagt Dobranić. Die für den Media-Bias-Gradienten notwendige Technologie gibt es schon. Gebaut wurde sie nur ein paar Gehminuten entfernt.

Das Event Registry

Das renommierte Jožef Stefan Institut (IJS) betreibt seit den frühen 70ern Forschung im Bereich der KI. Damit ergriffen sie die Chance fast so früh wie die akademischen Giganten Stanford und MIT, wo schon Ende der 60er erste Meilensteine mit Chatbots und Expertensystemen gefeiert wurden. Heuer gab die slowenische Regierung Pläne bekannt, im IJS mit Unterstützung der UNESCO Europas erstes internationales KI-Forschungszentrum einzurichten.

Gregor Leban, der sein Doktorat an der Fakultät für Computerwissenschaften absolviert hat, wollte aus dem Universitätstrott aussteigen und in die Privatwirtschaft gehen. Am IJS fand er die Gelegenheit, seine Ideen im Rahmen von EU-geförderten Projekten zu umzusetzen. Für das Event Registry, ein Programm, das Nachrichtentexte aus aller Welt sammelt, analysiert, und für Nutzer zu handlichen Events zusammenfasst, bekam er Unterstützung durch den Google Digital News Innovation Fund (DNI). Wieder einmal zeigt sich, wie eng zusammengewachsen Ljubljana ist. Natürlich kennt Leban Dobranić. “Die haben die Förderung von Google paar Monate vor uns gewonnen.”

Gregor Leban
Gregor Leban erklärt uns das Event Registry – Foto: David Marousek

Leban hatte ursprünglich nicht die Absicht, mit journalistischen Texten zu arbeiten. Er brauchte zur Verwirklichung eines Forschungsprojektes, das sich mit semantischer Analyse beschäftigt, einfach eine große Menge an Texten in verschiedenen Sprachen. Dafür baute er ein Tool, das in Echtzeit Nachrichten sammelt. Die daraus entstehende Datenbank ergab interessante Anwendungsmöglichkeiten. Mittlerweile bietet das Event Registry auf Knopfdruck viele nützliche Funktionen: Man kann beispielsweise die Verbreitung einer Nachricht über Sprachgrenzen zum Ursprung zurückverfolgen oder live beobachten, wie Medien aus verschiedenen Ländern unterschiedlich über dasselbe Ereignis berichten. “Wir müssen uns zurückhalten, nicht zu viele Funktionen einzubauen, damit es übersichtlich bleibt”, beklagt Leban den Zwiespalt zwischen Technik und User Interface.

Gregor Leban erklärt, wie das Event Registry genau funktioniert: Zunächst wird festgelegt, von welchen Nachrichtenseiten Artikel gesammelt werden sollen. Soweit der einfache Teil. “Die eigentliche Herausforderung war, eine Infrastruktur zu bauen, die den Inhalt von all diesen Seiten ziehen kann”, sagt Leban. Sind die Artikel einmal alle gesammelt, werden sie semantisch analysiert. Konzepte und Wörter werden Wikipedia-Einträgen zugeordnet, damit zum Beispiel zwischen “Apple”, der Frucht, und “Apple”, der Firma, unterschieden werden kann – und das in allen Sprachen.

Schließlich werden Inhalte in über 5 000 Kategorien eingeteilt und in “Events” (Ereignisse) gruppiert. Über die Bedeutung des Begriffs “Ereignis” streiten sich MedientheoretikerInnen. Leban bedient sich einer pragmatischen Definition, die für seine Zwecke genügt: “Wir gehen von einem Event aus, sobald sich mehrere Artikel innerhalb eines gewissen Zeitraums mit  demselben Thema beschäftigen.” Anders gesagt: Wenn viele Leute an einem Tag über Apple schreiben, muss irgendetwas passiert sein, zum Beispiel die Präsentation eines neuen iPhones. Als BenutzerIn kann man dann die Verbreitung einer Nachricht beobachten, die Datenbank durchsuchen oder sich ähnliche Artikel anzeigen lassen. 

Ursprünglich hat Leban gedacht, dass vor allem JournalistInnen das Tool nutzen würden, um auf Ereignisse aufmerksam zu werden und Informationen zurückzuverfolgen. Mit der Zeit hat sich aber herausgestellt, dass ReporterInnen nicht die richtige Zielgruppe waren: Sie greifen anscheinend eher auf Agenturmeldungen zurück. “Normalerweise baut man ein Produkt mit einer Zielgruppe im Hinterkopf”, sagt Leban, “aber das Event Registry ist als Forschungsprojekt entstanden. Später erst haben wir überlegt, wer die Kunden sein könnten.” Heute verwenden Think-Tanks und Consulting-Firmen weltweit sein Tool, um Medienanalysen durchzuführen. Zu seinen Kunden zählen Bloomberg, Barclays, London Stock Exchange und Bank of America. Auch privat kann man das Event Registry verwenden, in der Gratisversion allerdings nur für Daten der letzten 30 Tage.

“Drugs and video games and books”

Das Event Registry stellt EntwicklerInnen gerne seine API (Schnittstelle für die Programmierung von Anwendungen) zur Verfügung. Daraus haben sich schon mehrere interessante Forschungsarbeiten und Apps ergeben. Zum Beispiel die Seite http://mediaelection.com/, die während der US-Präsidentschaftswahl 2016 verschiedene Medienaspekte beobachtet hat. Dass das Event Registry dazu dienen kann, Media Bias und Fake News zu erkennen, ist schon erprobt worden. Wann die Idee mit dem Media-bias-Plugin von Danes je nov dan umgesetzt wird, ist noch nicht sicher. Auch nicht sicher ist es, wie lange Filip Dobranić noch weiter macht. “Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das nicht für immer machen wollen”, sagt er. Seine Pläne für danach? “Etwas anderes. Drugs, video games and books.”

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