Die Gastfußballer

Ein Mann blick in ein leeres Fußballstadio

Von David Marousek und Christian Albrecht Legionäre Fußballer mit nicht-österreichischer Staatsbürgerschaft haben in Österreich lange Tradition. Stimmen die Leistungen, avancieren sie schnell zu Publikumslieblingen, bleibt der Erfolg aus, sind “die Ausländer” schuld. Vor allem im steirischen Amateurfußball sind Spieler aus Slowenien kaum noch wegzudenken. Doch wie der Stürmer an der Grenze zum Abseits bewegen sich viele Legionäre an jener der Legalität. Es ist ein Spiel um Sieg oder Niederlage.

Mitte Juni platzt in der steirischen Ortschaft Bad Radkersburg, direkt an der Grenze zu Slowenien, die Bombe. Der 135 Jahre alte FC Bad Radkersburg stellt den Spielbetrieb im Erwachsenenfußball von heute auf morgen ein. Mit der Gemeinde Bad Radkersburg brach ein Unterstützer des Vereins weg. Nur rund 60 000 Euro sollen dem Verein fehlen, um in der Landesliga anzutreten. Doch zusätzlich zu den angeblichen finanziellen Problemen gesellte sich noch ein sportliches Kuriosum dazu. Seit letztem Winter spielte beim FC Bad Radkersburg in der Landesliga kein einziger Österreicher mehr. Der Kader bestand zum größten Teil aus slowenischen und kroatischen Legionären. So werden Spieler bezeichnet, die außerhalb ihres Heimatlandes Fußball spielen – viele davon pendeln mehrmals die Woche nur für Trainingseinheiten und Meisterschaftsspiele aus ihrem Heimatland nach Österreich.

Der Fußball macht nur einen Teil der slowenischen Gastarbeiter in Österreich aus. Rund 12 000 SlowenInnen pendelten im Jahr 2016 laut dem slowenischen Statistikamt nach Österreich. Die meisten davon täglich oder wöchentlich. Hinter Ungarn, der Slowakei und Deutschland nimmt Slowenien damit den vierten Platz unter Österreichs Nachbarländern ein.

Ganze 12 Prozent der 27 481 gemeldeten Fußballer in der Steiermark kommen aus dem Ausland, haben also keinen österreichischen Reisepass. Alleine aus Slowenien sind 486 aktive Spieler in den Amateurligen beim Steirischen Fußballverband gemeldet – inklusive Nachwuchs- und Frauenteams. (Stand: 31. Mai 2019). Damit liegt Österreichs südlicher Nachbar in der steirischen Legionärswertung knapp hinter Kroatien (535) und vor Bosnien-Herzegowina (315), Rumänien (241) und Afghanistan (232) an zweiter Stelle. „Diese Zahlen spiegeln aber keinesfalls die ethnischen Volksgruppen wieder, gezählt werden hier rein Spieler ohne die österreichische Staatsbürgerschaft,” erklärt Boris Pruntsch vom Steirischen Fußballverband.

Viele dieser Spieler kommen vom Ausland aus höheren Ligen in den österreichischen Amateurfußball – mit dem Ziel, hier als “Amateure” Geld zu verdienen. Für die offizielle Höchstsumme eines Amateurfußballers, 540 Euro Aufwandsentschädigung, würde wohl kaum ein Kroate den weiten Weg nach Österreich antreten. Hinter vorgehaltener Hand nennen Funktionäre, die ihre Anonymität wahren wollen, aber Summen von bis zu 1 500 Euro im Monat. Möglich gemacht wird das durch zwei Verträge. Einen “offiziellen”, der im Zweifel den Behörden vorgelegt wird und einen geheimen, den nur Spieler und Vereinsfunktionäre kennen. Doch das steuerfreie Geld hat auch einen großen Nachteil: Wenn die Leistung nicht passt, wird bei der nächsten Transferperiode der Abschied verkündet. Es gibt genügend Spieler auf dem ausländischen Markt und ein Einklagen von Seiten des Legionärs würde nur die eigenen Machenschaften aufdecken.

“Bis hierhin und nicht weiter”

Für den Radkersburger Bürgermeister Heinrich Schmidlechner (ÖVP) war das Ende des heimischen Fußballclubs absehbar. „Es hat um das Jahr 2015 mit der Wahl von Helmut Pock als Obmann begonnen, der das Ganze gepusht hat. Die Spielereinkäufe waren in der Landesliga finanziell nicht mehr leistbar. Die eigene Bevölkerung hat sich schon gedacht, was das alles soll – obwohl wir natürlich nichts gegen Slowenen haben”, fasst Schmidlechner zusammen. Die Gemeinde hätte den Verein laut dem Bürgermeister immer unterstützt. „Vor allem im Nachwuchs und bei der Spielanlage. Aber wir sahen uns außerstande, dass wir die Spielereinkäufe finanzieren. Das ist einfach nicht unsere Aufgabe. Da ging es um hohe Summen”, erinnert sich Schmidlechner. So hätte der Gemeinderat dann einstimmig beschlossen: „Bis hierhin und nicht weiter.”

Ein graues Gebäude
Hier wurde bis Sommer noch Fußball gespielt, nun steht die Anlage des FC Bad Radkersburg (fast) leer. Nur die Nachwuchsmannschaft des Vereins findet sich noch auf dem Rasen wieder – Foto: David Marousek

Schon jetzt gibt es wieder Pläne, den Verein nach der Stilllegung wiederzubeleben. „Die Mannschaft kann ein Jahr aussetzen und sich dann von unten, also der letzten Klasse, wieder raufarbeiten. Wir werden mit dem Verein Gespräche führen, um das Ganze wieder zu aktivieren”, verrät Schmidlechner. Diesem Gespräch wird sich Peter Peternel, seit Juni 2018 Präsident und Hauptsponsor des Vereins, stellen müssen. Sein Nachname steht auch im offiziellen Vereinstitel “FC Süd Ost Shopping Autohaus Peternel Bad Radkersburg”. Nun wurde nur ein Jahr nach seinem Amtsantritt die Landesliga-Mannschaft des Klubs abgemeldet. Für ein klärendes Gespräch war das Vereinsoberhaupt trotz mehrfacher Zusage nicht zu erreichen. Auch keiner der ehemaligen Legionäre, trotz vorheriger Zusagen.

300 Euro Gehalt – als Profi

Februar 2019, Stadion Graz-Liebenau. Der damalige Regionalligist GAK besiegt den Bundesligisten Austria Wien im Viertelfinale des ÖFB-Cups sensationell mit 2:1. Torschütze in der 86. Minute: Luka Kirič. Der slowenische Legionär stieg erst im Sommer von der Regionalliga in die 2. Liga zum GAK auf. Damit ist der 24-Jährige heute einer von insgesamt zehn Slowenen in den beiden vom Österreichischen Fußballbund (ÖFB) geführten höchsten Ligen des Landes.

Ein paar Monate nach dem historischen Halbfinaleinzug treffen wir Luka Kirič im Sportzentrum Graz-Weinzödl, der Heimat des GAK. „Schon vor dem Spiel war ich nervös wie nie”, erzählt der Flügelspieler. „Als ich dann das Tor geschossen habe, musste ich mich erst einmal zwicken, um zu schauen, ob ich das nicht nur träume.” Vor Familie und Freunden und insgesamt über 12 000 Zusehern war es der bislang emotionalste Moment der noch jungen Karriere des Luka Kirič. Er ist einer der wenigen, die den Aufstieg geschafft haben. Denn im slowenischen Fußball herrschen teils prekäre Arbeitsbedingungen.

Ohne ihn überhaupt auf das Thema angesprochen zu haben, berichtet er sogleich selbst aus eigener Erfahrung über das wohl größte Problem in seinem Heimatland. „Bei meinem Jugendverein NK Aluminij in Slowenien habe ich nicht wirklich eine Chance bekommen. Als ich ihnen mit 18 Jahren mitgeteilt habe, dass ich lieber woanders hingehe, haben sie mir einen Vertrag über vier Jahre angeboten. Sie wollten mir 300 Euro im Monat zahlen, das entspricht gerade einmal einem Drittel des momentanen slowenischen Mindestlohns. Natürlich habe ich nicht unterschrieben,” sagt Kirič und schüttelt den Kopf. „Klar hast du Spaß am Sport, aber du musst auch auf das Geld schauen. Ich war zwar noch jung, aber wenn du auf die 30 zugehst, spielst du Fußball, um zu verdienen. Dafür musst du als Slowene aber ins Ausland gehen, deshalb kommen so viele nach Österreich. Spieler, die in Slowenien locker in der ersten Liga spielen könnten.”

Vom Profigehalt in Slowenien konnte Luka Kiric nicht leben. In Österreich bekam er im Amateurfußball über 200€ mehr – und einen Job im Vereinsumfeld – Foto: David Marousek

Fußball fürs Fernsehen

Die Gehaltsspanne in Slowenien sei extrem. Es gebe nicht viele Vereine, deren Durchschnittsspieler von ihren Verträgen leben können. Kirič nennt NK Maribor, Olimpija Laibach und Domžale. „Aber der Rest? Da verdienst du ganz wenig. Und wenn du professionell spielst, kannst du nebenbei ja nicht einmal arbeiten. Und von 300 Euro leben kannst du ja auch nicht. Wer in der Prva Liga spielt, macht das nur, damit er im Fernsehen ist und ihm jeder dabei zuschauen kann. Und das war nicht mein Ziel.”

Nachdem er sich mit den Vereinsverantwortlichen bei Aluminij zerstritten hatte, wechselte er zurück zu seinem Jugendverein Drava Ptuj. Im Sommer unterschrieb Kirič schließlich beim südsteirischen Oberligisten SV Wildon. Mit 19 Jahren. „Normalerweise machen das 25-, 26-Jährige, die in Slowenien nicht mehr zum Zug kommen. Für mich war das aber ein großer Schritt”, erzählt der Mittelfeldspieler. Was sportlich wie ein Schritt zurück scheinen mag, war finanziell ein klarer Aufstieg. „Ich brauchte Geld zum Leben, ich hatte keine Arbeit. In dem knappen Jahr bei Ptuj bekam ich in der dritten Liga keinen Cent zu sehen.” Bei Wildon hingegen wurde Kirič mit der Aufwandsentschädigung von 540 Euro vergütet. Bei Punktgewinnen in der Meisterschaft winkte eine Prämie, nach den Spielen wurde er in der Vereinskantine verköstigt.

Job beim Hauptsponsor

Obwohl Kirič mittlerweile bereits seit über fünf Jahren in Österreich aktiv ist, wohnt er noch immer in Ormož. „Nach Wildon dauert es eine Stunde von mir daheim,” sagt Kirič. „Im Jahr 2014 waren wir vier Slowenen bei Wildon. Wir hatten eine Fahrgemeinschaft, da war dann auch das Hin- und Herfahren nicht so teuer. Insgesamt hatte ich drei Mal pro Woche Training und ein Spiel am Wochenende.” Nach eineinhalb Jahren beim SV Wildon bat Kirič die Vereinsverantwortlichen um einen Nebenjob. Relativ problemlos wurde er beim Tiefkühlkost-Hersteller Tomberger in Kalsdorf für 20 Stunden pro Woche in der Kommissionierung eingestellt. Es handelte sich dabei um den Hauptsponsor des Vereins. Ein Job, welcher Kirič zusätzlich 800 Euro einbringen sollte. Statt 300 Euro und höchster Spielklasse in Slowenien also 1.340 Euro und fünfte Liga in Österreich.

Trotz seines Wechsels zum GAK im Sommer 2018 hat Kirič seinen Job behalten. “Ich dachte, wenn ich aus Wildon weggehe, bin ich ohne Arbeit. Sie haben aber gesagt, dass sie mich trotzdem brauchen”, ist der Offensivspieler glücklich über den Lauf der Dinge. Auch für den Interviewtermin ist er direkt von seiner Arbeitsstelle in Kalsdorf nach Weinzödl gefahren. Für Kirič mittlerweile sein zweites Wohnzimmer. David Preiß, aktueller Trainer des GAK, der damals zur selben Zeit wie Kirič bei Wildon als Trainer angefangen hatte, holte seinen Schützling zu den Roten Teufeln. Preiß war es auch, der Kirič’ allerersten Trainingstag in Österreich miterlebte. “Ich habe nur ‘Hallo’ gesagt und plötzlich hat der Trainer begonnen, uns die taktische Ausrichtung zu erklären. Ich habe aber kein Wort Deutsch verstanden, weshalb er für mich dann alles nochmal erklären musste,” erzählt Kirič – in fließendem Deutsch.

“Der slowenische Arbeitsmarkt ist ein Desaster”

Ganz problemlos ist Kirič’ Wechsel von Wildon nach Graz aber nicht abgelaufen. „Ich hatte zwar keinen laufenden Vertrag mehr, der GAK musste aber trotzdem Ablöse bezahlen,” erzählt er, noch immer etwas verwundert. „Der Obmann wollte Geld für mich haben, obwohl ich gratis von Slowenien nach Österreich gekommen bin. Ich unterschreibe aber eben immer nur Einjahresverträge, auch hier beim GAK. Sie wollten mich jetzt zwei Jahre binden, aber das habe ich noch nie gemacht. Man weiß nie, was nächstes Jahr passiert.” Trotz der Tatsache, dass Kirič von einem Amateurbetrieb in einen anderen gewechselt ist, wird klar, dass ein Verein wie der GAK selbst in den unteren Gefilden andere Möglichkeiten hat. „Wo ich in Wildon zehn Mal im Jahr 540 Euro bekommen habe, habe ich die beim GAK 14 Mal bekommen.”

Nun spielt Kirič mit dem GAK in der halb-professionell geführten 2. Liga – Halbprofivertrag und Gehaltsaufbesserung inklusive. Seinen Schritt nach Österreich hat er dementsprechend noch nie bereut. „Es funktioniert einfach nicht, in Slowenien Profifußballer werden zu wollen und dann auch noch davon zu leben”, hat Kirič eine klare Meinung. „Der slowenische Arbeitsmarkt ist ja generell ein Desaster. Je weiter südlich du gehst, desto schlimmer wird es. In Kroatien ist es noch schlechter, in Bosnien schon eine Katastrophe. Und wenn du dann doch Arbeit bekommst, zahlen sie nicht gut. Das läuft im Fußball nicht anders. Entweder deine Eltern finanzieren dich oder du gehst ins Ausland.”

“Als Legionär muss man zweimal besser sein als ein Österreicher”

Luka Kirič hat den zweiten Weg gewählt: „Jeder glaubt, wenn du in Österreich in der fünften Liga spielst, dann nur zum Spaß. Aber die Liga ist extrem gut. Zu meinen Freunden in Slowenien sage ich immer, dass die Oberliga locker mit der dritten Liga in Slowenien mithalten kann. Und als Legionär muss man sowieso zweimal besser sein als ein Österreicher. Das ist das Problem in Slowenien: Die Qualität ist einfach nicht da, weil jeder nach Österreich geht.”

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