Die letzten Meter

Von Nikolaus Fink – Erst vor drei Jahren hat Manuel* das Mittelmeer, dann eine Grenze nach der anderen überquert. Über den Fluss Kolpa nach Slowenien und Spielfeld wurde es noch einmal richtig eng. Heute hat er Asyl und versucht, sich in Graz ein neues Leben aufzubauen. Doch es vergeht kein Tag, an dem er nicht an seine Flucht denkt.

*Name geändert

„Ich habe Dinge erlebt, die ich niemals vergessen werde”, erinnert sich Manuel mit Schrecken und gleichzeitig einer gehörigen Portion Erleichterung an seine gefährliche Reise nach Österreich. Immer wieder stockt er während des Erzählens. Mittlerweile ist der Perser als Elektrotechniker tätig und kann sich so auch eine kleine, spärlich eingerichtete Wohnung in Graz leisten. Hier erzählt er knappe zwei Stunden von seiner Flucht nach Österreich, die vor rund einem Jahr in einem „tollen Moment” gipfelte: Manuel, der Klischees gegenüber Flüchtlingen abbauen möchte und hier daher auf eigenen Wunsch einen österreichischen Namen trägt, erhielt seinen positiven Asylbescheid. Die Gedanken an seine gefährliche Reise sind dadurch aber nicht weniger geworden und beschäftigen ihn nach wie vor täglich. „Das wird auch immer so bleiben”, meint Manuel.

Insgesamt musste der 30-Jährige mehr als 9000 Euro für seine Flucht nach Europa bezahlen. Trotzdem würde er auch heute wieder so entscheiden. „Ich habe es im Iran nicht mehr ausgehalten.“ Als Grund für seine Flucht führt er „religiöse und politische Verfolgung“ an. Er machte sich im Iran teilweise über die schiitische Staatsreligion lustig und geriet danach in große Schwierigkeiten. Ihm drohte sogar eine Haftstrafe.  Viel genauer möchte Manuel nicht darauf eingehen. Lieber erzählt er davon, dass er 2016 sein Auto und seine Wohnung verkaufte, um sich Schlepper und einen falschen Reisepass leisten zu können. Auf der Boots-Überfahrt von Izmir nach Griechenland sei die Situation besonders „brutal“ gewesen: „Wir wären beinahe alle gestorben.“  Vor der Fahrt über das Mittelmeer gab es Probleme mit dem Schlepper, der sich zunächst weigerte, Manuel und weitere Flüchtlinge zu transportieren. Sie wurden mit Waffen bedroht:  „Er wollte uns umbringen. Wir alle hatten riesige Angst.” Erst nach Intervention eines anderen Schleppers habe sich die Situation etwas entspannt. Annähernd so dramatisch sei es danach nur noch einmal geworden: an der slowenisch-kroatischen Grenze – wenige Autostunden von Österreich entfernt.

Gefahr an der Grenze

„Die Kroaten haben uns beschimpft und bespuckt“, erinnert sich Manuel. Zudem habe die Organisation der kroatischen und slowenischen Behörden zu wünschen übrig gelassen. Oft musste er stundenlang auf Informationen warten, die Polizei ließ die Flüchtlinge lange im Ungewissen. Darüber hinaus wurde von offizieller Seite auch nichts dagegen getan, dass Manuel von Fremden auf der Straße bedroht wurde. 

Viel hat sich seit Manuels Flucht im Jahr 2016 nicht verändert. Internationale NGOs berichten über Gewalt und illegale Vorgehensweisen an der Grenze. Eine davon ist die slowenische NGO Info Kolpa, benannt nach dem slowenisch-kroatischen Grenzfluss. Diese zivile Initiative wurde 2018 ins Leben gerufen, um Beschwerden von Migrantinnen und Migranten zu prüfen. Jost Zagar, einer der Aktivisten bei Info Kolpa erzählt: „Oft ist Folgendes passiert: Die (kroatische, Anm.) Polizei hat dich an der slowenisch-kroatischen Grenze mitgenommen, an die serbisch-kroatische Grenze zurückgefahren, dich dort rausgelassen und dann geschlagen. Außerdem haben sie Handys zerstört und Geld gestohlen.” Manuel blieb das erspart, dennoch sieht die Organisation hinter den ergriffenen Maßnahmen der slowenischen und kroatischen Behörden Systematik: „Es ist anzunehmen, dass die Anweisung, Asylanträge zu verbieten und kollektive Abschiebungen vorzunehmen, von den ranghöchsten Polizistinnen und Polizisten unter der Leitung der ehemaligen Innenministerin Vesna Györkös Žnidar gekommen ist”, heißt es in einem Bericht von Info Kolpa. Die Behörden in Slowenien und Kroatien dementierten diese Vorwürfe. Gemäß Info Kolpa werden Flüchtlinge in diesen beiden Ländern aber nicht rechtskonform behandelt. Auch von der slowenischen Polizei gab es Gewalt gegenüber Flüchtlingen. Zudem schickte die slowenische Behörde 4653 Personen zurück nach Kroatien – im Bewusstsein, dass diese von kroatischer Seite nach Bosnien und Herzegowina gebracht würden. Somit verwehrte man den Geflüchteten nicht nur das Recht auf einen Asylantrag in der Europäischen Union, sondern nahm auch in Kauf, dass sie in Bosnien in menschenunwürdigen Lagern unterkommen würden. „Es gibt dort keine ärztliche Versorgung. Ein 16-Jähriger ist nur deshalb an einer Autoimmunerkrankung gestorben“, berichtet Jost Zagar.

Verletzungen an Armen und Beinen – keine Seltenheit bei Flüchtlingen. Foto: Info Kolpa

Nicht zuletzt deshalb richtete Info Kolpa gemeinsam mit PIC (Pravno-informacijski center) – einem Rechtsinformationzentrum, das sich um den Schutz von Menschenrechten kümmert – 2018 eine Telefonnummer ein, an die sich Flüchtlinge in Not wenden konnten. Aufgrund der zu geringen Nachfrage wurde dieser Service aber mittlerweile wieder eingestellt. Einer, der sich vor zwei Jahren eine ähnliche Hilfe gewünscht hätte, ist Manuel: „Ich hätte dieses Angebot mit Sicherheit wahrgenommen.“ Stattdessen musste sich der Perser insbesondere mit der kroatischen Polizei herumschlagen und gewann dabei den gleichen Eindruck wie Info Kolpa: „Sie hassen die Leute.“

“Ein Wahnsinn, wie viele Leute das waren”

Die Zahlen der UNHCR belegen jedenfalls einen deutlichen Rückgang der in Kroatien gestellten Asylanträge: Hatten im Jahr 2016 noch 2.234 Personen einen Antrag gestellt, waren es 2018 nur mehr 1.070. Hilfsorganisationen führen dies auf den Umstand zurück, dass die Polizei ihnen mit Drohungen  und Gewalt die Möglichkeit darauf verwehrte – auch das bestreiten die kroatischen Behörden. Insgesamt ist die Zahl der Flüchtlinge seit 2015 auf der viel zitierten Balkanroute deutlich zurückgegangen. In den ersten zehn Monaten des Jahres 2015 reisten laut EU-Kommission fast 700 000 Menschen auf der Balkanroute von Griechenland nach Zentraleuropa. Nicht einmal ein halbes Jahr später wurde die Westbalkanroute durch abgestimmte Beschlüsse von Nordmazedonien, Serbien, Kroatien, Ungarn und Slowenien für Flüchtlinge vollständig geschlossen: Diese Länder wollen nur noch Personen mit gültigen Reisepässen und Visa ins Land lassen. In Österreich ließ das Innenministerium beinahe idente Töne anklingen. Seither ist die Diskussion um die Balkanroute deutlich leiser geworden. 2018 gab es laut Frontex auf der Westbalkanroute nur mehr 5451 illegale Grenzübertritte in die Europäische Union durch Flüchtlinge. Doch das könnte sich schnell ändern: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan droht, den Flüchtlingsdeal aufzukündigen und die Grenzen zu öffnen. Sein Land sei finanziell überfordert, darüber hinaus greift Erdoğan die von den USA unterstützte Kurdenmiliz YPG in Nordsyrien seit Kurzem militärisch an. Dieses Vorgehen könnte auch auf die EU großen Einfluss haben.

Manuel hatte mit der kroatischen Polizei Glück im Unglück. Zwar wurde er von ihr alles andere als gut behandelt, schlussendlich durfte er aber nach Abstimmung mit den slowenischen Behörden die Grenze passieren und kam seiner Wunschdestination Österreich somit ein ganzes Stück näher. An der österreichisch-slowenischen Grenze in Spielfeld musste sich der 30-Jährige 2016 dann allerdings doch noch etwas gedulden. Eine Nacht lang blieb Manuel im Flüchtlingslager, ehe er in der Früh der österreichischen Polizei seine richtige Identität verriet – bis dahin war der Perser noch immer mit einem gefälschten Reisepass unterwegs gewesen. „Ich war eine der wenigen Personen, die ihren richtigen Namen nannten. Der Großteil hatte davor zu viel Angst“, erinnert sich Manuel. Ein Bild hat sich besonders in sein Gedächtnis eingebrannt: „Auf dem Rückweg von der Registrierungsstelle habe ich das ganze Flüchtlingslager gesehen. Es war ein Wahnsinn, wie viele Leute das waren.“ Laut dem Bundesministerium für Inneres (BMI) stellten in den Jahren 2015 und 2016 insgesamt 130 625 Menschen einen Asylantrag in Österreich, am Höhepunkt der Flüchtlingsbewegung 2015 befanden sich mehr als 5000 Menschen im sogenannten „Sammelzentrum” in Spielfeld. Seither gingen diese Zahlen stetig zurück. 2019 sollen es gemäß einer Prognose des Innenministeriums mit 11 990 Anträgen sogar noch weniger als im Vorjahr werden.

Der Zaun in Spielfeld hat ein gut acht Meter langes Loch. Foto: Julian Bernögger

Der Abriss des Flüchtlingsstroms nach Österreich ist auch an der Grenze in Spielfeld zu erkennen: Der Ort erinnert an eine Geisterstadt. Migrantinnen und Migranten sind hier keine zu sehen. Einzig die weißen Riesenzelte und Sperrgitter lassen noch auf die Menschenmengen schließen, die hier auf ihre Einreise nach Österreich warteten. Ein paar hundert Meter Luftlinie entfernt ist die Stimmung ähnlich düster. Auf dem Grundstück des kürzlich verstorbenen Helmut Strobl – bis 2001 ÖVP-Stadtrat in Graz – ragen rostige Pfosten aus der Erde. Eigentlich sollte hier ein Stück des im Jahr 2016 erbauten Grenzzaunes stehen. Doch Strobl wehrte sich massiv gegen das Vorhaben der rot-schwarzen Regierung. So hat der vier Kilometer lange Grenzzaun ein gut acht Meter langes Loch. „Der Zaun ist ein falsches Signal“, erklärte Strobl bereits 2015. Für ihn ist die bauliche Maßnahme, wie der Zaun offiziell benannt wird, „rausgeschmissenes Geld“. Tatsächlich betragen die Kosten rund 20 Millionen Euro pro Halbjahr – und das, obwohl es de facto kaum illegale Grenzübertritte von Slowenien nach Österreich gibt. Aus dem BMI heißt es dazu: „Der Einsatz von technischen Mitteln kostet immer Geld. Das Bundesministerium für Inneres hat dabei auch immer Vorsorge zu tragen, technische Hilfsmittel abrufbereit bei Bedarf zur Verfügung zu haben. Technische Hilfsmittel erst zu besorgen, wenn diese tatsächlich benötigt werden, würde am Bedarf vorbeigehen, da diese dann oft erst Wochen später zur Verfügung stehen würden.” Ob die Grenzkontrollen nach dem 13. November 2019 fortgeführt werden, wird indes in den kommenden Wochen entschieden. Slowenien schlug Österreich vor, gemeinsame Patrouillen durchführen – so wie das bereits an der italienisch-slowenischen Grenze der Fall ist.

Aufholbedarf

Manuel muss sich über Angelegenheiten an der Grenze „zum Glück” keine Gedanken mehr machen. Er ist froh, dass er in Österreich mittlerweile Fuß gefasst hat. Für den 30-Jährigen war stets klar, dass er in die Alpenrepublik kommen wolle, um in Frieden seinen gelernten Job als Elektrotechniker ausführen zu können. Doch nach den Erfahrungen, die der 30-Jährige in Österreich machen musste, überkamen Manuel große Zweifel. „Irgendwann wollte ich einfach nur mehr weg von hier.” Bei seiner Ankunft bekam er die Missgunst gegenüber Flüchtlingen am eigenen Leib zu spüren. Sogar die Polizei verhöhnte ihn. Von den Menschen, bei denen er zwischendurch arbeitete und wohnte, wurde er teilweise „wie ein Tier” behandelt. „Einmal war ich zum Beispiel sehr krank und wurde dann auch noch ausgelacht.” Zudem musste er oft bis zum Umfallen arbeiten, damit er über Nacht gemeinsam mit anderen nach Österreich gekommenen Flüchtlingen Unterschlupf in viel zu kleinen Zimmern finden konnte. Schlussendlich entschied er sich dennoch für einen Verbleib in Österreich. Eine noch längere Reise hätte seine Geldbörse ohnehin nicht verkraftet, erklärt Manuel.

Somit erledigte sich die Frage nach einer Verlängerung seiner Reise fast von selbst. Gut ist seit dem Ende des Trips aber bei Weitem noch nicht alles – die Erfahrungen haben Manuel enorm verändert, wie er selbst immer wieder betont. Seit seiner Reise macht der 30-Jährige sich beispielsweise viel mehr Gedanken über Entscheidungen von Politikerinnen und Politikern.  Der Perser sieht dabei einen gefährlichen Trend in der politischen Debatte. „Natürlich gibt es manchmal Probleme, aber die werden von einigen Parteien zu groß gemacht“, bezieht er sich auf die aufgeheizte Diskussion rund um das Thema Migration in den vergangenen Jahren. Ihm selbst geht es trotz der traumatischen Ereignisse gut. „Ich würde schon sagen, dass ich jetzt voll und ganz in Österreich angekommen bin.” Für Menschen, die seinem Beispiel folgen und nach Europa flüchten, hat Manuel vor allem einen Wunsch: mehr Sensibilität im Umgang miteinander – insbesondere von den zuständigen Behörden. Dafür muss vor den Toren Österreichs allerdings noch einiges getan werden.

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