Von Štajerska bis Koroška

Von Christian Albrecht – Bis zum Zerfall der Habsburgermonarchie 1918 teilten sich Österreicher und Slowenen fünf Jahrhunderte lang den Raum zwischen Mur, Adria und Drava. Von Ost nach West, von Štajerska bis Koroška finden sich heute noch Orte, an denen das Zusammenfließen der Kulturen gut erfahrbar wird.

Pavelhaus, Pavlova hiša Laafeld/Potrna bei Bad Radkersburg/Radgona

Das Pavelhaus ist ein Begegnungszentrum für Steirer und Štajrer. Nach langwierigen Auseinandersetzungen über die Zugehörigkeit des Gebiets um Bad Radkersburg nach dem Ersten Weltkrieg, wurde es schließlich Österreich zugesprochen. 1998 eröffnete das Pavelhaus in Laafeld, einer der fünf traditionell gemischtsprachigen Gemeinden des Landes. Der renovierte Bauernhof ist Heimat des Artikel-VII-Kulturvereins für die Minderheit der slowenischsprachigen Steirer. Anders als in Kärnten, wo die Zahlen deutlich höher waren, wurde in der Steiermark von offizieller Seite die bloße Existenz dieser Volksgruppe abgestritten. Lange wurden der Minderheit so die Rechte verweigert, die ihr laut  Verfassung eigentlich zustünden.

Die Diskussion war explosiv, erinnert sich Kurator David Kranzelbinder im Garten des Pavelhauses. Womöglich habe sogar der Briefbombenattentäter Franz Fuchs damals die Eröffnung mit einer in einem Blumentopf eingeschmuggelten Bombe sprengen wollen. „Ein gleicher Blumentopf wie die, die bei uns im Innenhof stehen, wurde nach seiner Verhaftung bei ihm gefunden. Wir hatten viel Glück.”

David Kranzelbinder führt durch die Ausstellung “The Frontiers Are My Prison”. Ein Zitat aus dem 1969 veröffentlichten Lied “The Partisan” von Leonhard Cohen. 100 Jahre nach der Grenzziehung von St. Germain versteht sich die Ausstellung als Beitrag zur “Grenzüberwindung”. So reiben sich in einer Videoaufnahme der Grazer Künstlerin Anita Fuchs ein paar Wildschweine zwanglos an einem österreich-ungarischen Grenzstein. Grenzen in allen Facetten offenzulegen, ist aber auch ein Schritt zur Grenzüberwindung. Für Kranzelbinder essentiell: „Ausstellungen wie diese stiften Gemeinschaften, die bleiben. Wenn Österreicher und Slowenen nebeneinander sitzen und sich austauschen, haben wir schon gewonnen.”

Rollfähre Weitersfeld an der Mur

So oft wie die Fährmänner der letzten erhaltenen Rollfähre an der Mur pendelt sonst wohl kaum jemand zwischen Österreich und Slowenien. Statt Strom braucht es hier nur Strömung. Diese ist stark genug, um die Fähre mit der nötigen Technik von der einen auf die andere Murseite zu übersetzen. Kaum öffnet sich der Sicherheitsschranken am Nachbarufer, kommt man im Fähren-Beisl, der Okrepčevalnica Brod, auch schon in den Genuss eines der Vorteile der vom Menschen künstlich geschaffenen Grenze. Immer noch atmet man die selbe Luft wie noch vor wenigen Sekunden, zahlt für einen halben Liter Bier plötzlich aber nur mehr 2,20 Euro.

Auf beiden Ufern der Mur kann man oftmals Georg Pock antreffen. Er ist Obmann des Vereins GlaMUR, unter dessen Dach sich über 200 slowenische und österreichische Betriebe grenzüberschreitend für Vielfalt im unteren Murtal einsetzen. Bei einer Flasche Pock-Bier aus eigener Produktion kann man sich am Lieblingsplatzerl von Pock – nur wenige Meter flussaufwärts von der Fähre – erfrischen. „Hier springen jedes Jahr hunderte Menschen in die Mur, um den Wert von sauberen und nachhaltig-lebendigen Flüssen zu vermitteln. Wir nennen das den ‘Big Jump’,” erklärt Pock, der sich auch als Vizebürgermeister der Gemeinde St. Veit für die Region einsetzt. Mit Aktionen wie dieser soll auch der “Amazonas Europas” bekannter werden, ein gewaltiges Biosphärenpark-Projekt unter der Ägide der UNESCO, dem Österreich gerade erst beigetreten ist. Entlang von Mur, Drau und Donau entsteht hier auf einer Million Hektar eine fünf Länder verbindende Flusslandschaft und damit eines der europaweit bedeutsamsten Feuchtgebiete.

Grenzzaun Hochgrassnitzberg

Entlang der Staatsgrenze bei Spielfeld erschwert seit einigen Jahren ein zweieinhalb Meter hoher Maschendrahtzaun den freien Personenverkehr. Hier am Hochgrassnitzberg, keine zehn Minuten Fahrtzeit vom Grenzübergang, hat das “Türl mit Seitenteilen” – wie Werner Faymann den Grenzzaun einst titulierte – eine bemerkenswerte Lücke. Dort, wo der Weingarten in Wald übergeht, ist der Zaun auf einer Länge von acht Metern einfach unterbrochen. Der im September 2019 verstorbene Grazer Ex-Kulturstadtrat Helmut Strobl wollte sich das von der damaligen Regierung im Jahr 2015 angesichts der “Flüchtlingskrise” verordnete “Grenzmanagement” nicht gefallen lassen und verweigerte die Zustimmung für sein Grundstück.

Dafür wird die Grenze dort seither von drei Fahnen bewacht, die der Künstler Erwin Stefanie Posarnig im Dezember 2016 installiert hat. Auf einer Fahne zieren neben einem Kreuz auch ein Halbmond und ein Davidstern den Herzoghut im steirischen Wappen. Daneben wurde die österreichischen Staatsfahne gehisst, die mehrsprachig um die Worte “Grenze”, “Untergrenze” und “Obergrenze” ergänzt wurde, ein Stück weiter bezeichnet eine EU-Fahne das “Borderline Syndrom”. Mindestens so absurd wie die Lücke. Übrigens kann man in halbwegs fittem Zustand in weniger als fünf Sekunden über den zahnlosen Zaun klettern.

Ein meterlanges Loch im Zaun Foto: Julian Bernögger

Kniely Haus Leutschach/Lučane

Über die Südsteirische Weinstraße, die seit 1956 keck entlang der Grenzen torkelt, ohne sich groß um die steinernen Grenzmarkierungen aus dem Jahr 1919 zu scheren, und vorbei am Leutschacher Hopfen, der für Unwissende aussieht, als wäre er zum Trocknen aufgehängt, führt der Weg gen Westen zum Kniely Haus – angeblich ein “Zentrum der Kunst, Kultur und Kommunikation”.

Das 1912 eingeweihte Kernstock-Stüberl fühlt sich an wie eine Zeitkapsel. Hier genossen deutschnationale Genossen vor einem Jahrhundert das Unter-Sich-Sein, auf Slowenisch wurde vermutlich eher selten geplaudert. Umgeben von den deftigen Reimen des 1928 verstorbenen Stüberl-Namensgeber Ottokar Kernstock – seines Zeichens Priester, (“Hakenkreuzlied”-)Dichter und geborener Marburger – soff man im Stüberl in seiner eigenen kleinen Blase. Zur Eröffnung dieser “Trinkkemenate”, so die Erinnerungsurkunde vom 28. Juli 1912, war der Dichterfürst höchstselbst erschienen und hatte deklamiert: „Auf der heiligen deutschen Scholle, Deutsch soll sie bleiben, komme was wolle, Glück oder Leid, Deutsch soll sie bleiben in Ewigkeit!”

Foto: Matteo Eichhorn

Neue Mittelschule Arnfels/Arnež

Der Blick durch die Bibliotheksfenster der Neuen Mittelschule Arnfels auf die Windischen Bühel macht deutlich, dass der Nachbar hier wirklich nahe ist. Nur rund 47 Kilometer trennen die flächenmäßig kleinste Gemeinde der Steiermark von Maribor, der zweitgrößten Stadt Sloweniens, die damit acht Kilometer näher liegt als Graz. 2500 SchülerInnen, viele davon aus Slowenien, werden im Schulzentrum Arnfels ausgebildet – in etwa eineinhalb Mal so viele wie Arnfels Einwohner hat. Ernst Körbler ist Lehrer für Slowenisch an der NMS Arnfels und koordiniert die von ihm ins Leben gerufene Schulpartnerschaft mit der 30 Autominuten entfernten Volksschule in Muta. „Die Highlights sind die jährlichen gemeinsamen Weihnachts- und Frühlingskonzerte, da singt unser slowenisch-österreichischer Kinderchor abwechselnd in den zwei Sprachen. Außerdem veranstalten wir eine Sprachwoche im kroatischen Krk. Eine Woche am Meer – damit haben wir viele Schüler vom Wahlfach Slowenisch überzeugt”, erzählt Körbler, dessen Verbundenheit zur kleinen Republik nicht verwundert – hat er doch mit seiner Frau seine Liebe in und zu Slowenien gefunden.

Während unseres Besuchs ist hier auch eine Light-Version der Ausstellung “Štajer-Mark” zu sehen. Anhand von Postkarten der historischen Untersteiermark versucht die Schau, die ganze normale Gemischtsprachigkeit dieser Region nachvollziehbar zu machen. Aber auch historische Entwicklungen wie die Nationalismen des ausgehenden 19. Jahrhunderts oder der Ersten Weltkrieg werden thematisiert. Viele Karten wurden in der Monarchie in zweifacher Ausfertigung in den Umlauf gebracht – mit Ortsbezeichnungen auf Deutsch oder Slowenisch. Das förderte den Absatz. Auch zweisprachige Karten waren im Umlauf.

Bei südsteirischem Wein und Arnfelser Opflsoft erläutert Körbler in der Schulbibliothek die Unterschiede zwischen Kärnten und der Steiermark in den heutigen Beziehungen zu Slowenien. „In der Steiermark hat es keinen Abwehrkampf gegeben, deshalb ist die Lage hier entspannter als in Kärnten”, meint der Slowenisch-Professor. Noch heute werden in der Steirischen Landeshymne die beiden Flüsse Save und Drau besungen, obwohl die Save längst nicht mehr durch Österreich rauscht – außer vielleicht am Grazer Hauptplatz, wo sie am Erzherzog-Johann-Brunnen verewigt ist.

Hotel Obir Eisenkappel-Vellach/Železna Kapla-Bela

Zwischen Kärnten und Slowenien ist die Sache komplizierter, und das liegt laut Körbler nicht daran, dass hier an der Grenze über weite Strecken statt Büheln richtige Berge stehen. Vielmehr an den Kriegsverbrechen, die dort geschehen sind. Am Loiblpass wurden KZ-Gefangene von den Nazis unter sklavenähnlichen Bedingungen zum Bau des Loibltunnels gezwungen. Zumindest 40 Menschen wurden hier zu Tode geschunden. Während ihrer auf slowenischer Seite schon seit 1950 gedacht wird, wurde das Konzentrationslager in Österreich über lange Zeit gänzlich verdrängt. Nur Peter Gstettner ist es zu verdanken, dass der österreichische Teil des Lagers freigelegt wurde. Er begab sich im Wald auf Spurensuche und fand die überwucherten Baracken, von denen sonst keiner wissen wollte.

Besonders von der Geschichte geprägt wurde die heute noch mehrheitlich slowenischsprachige Gemeinde Eisenkappel. Das Massaker am Peršmanhof, ein Partisanenstützpunkt im Zweiten Weltkrieg, wo NS-Einheiten elf Zivilisten grausam umbrachten, wurde gerichtlich nie aufgearbeitet. Das Hotel Obir dagegen ist eine Narbe anderer Art, weil es eigentlich als zukunftsgerichtete Grenzüberschreitung konzipiert wurde. “Betreten auf eigene Gefahr” warnt ein Schild an der bröckelnden, dunkelroten Fassade des fünfstöckigen Gebäudes im Zentrum der südlichsten Gemeinde Österrreichs. Spinnweben bilden ein unsichtbares Labyrinth durch die leerstehenden Räume. Im offenen Lift welken Blumen, wie lange die Asche ohne Becher hier schon ruht, ist unklar. Auf dem mit morschen Holzbrettern und staubigen Scherben gespickten Boden liegt ein kaputter Rasierapparat, als hätte jemand unvorbereitet mit halb rasiertem Bart die Flucht angetreten. An der Rezeption liegen Tourismusprospekte aus den 70ern und im Keller wacht ein Falco-Poster über den modrigen Dancefloor der Hoteldisko. Wer Tschernobyl fühlen möchte, ohne die ukrainische Grenze zu überqueren, kommt ins Hotel Obir.

Bereits im Jahr 2003 sperrte das Hotel in Bad Eisenkappel zu, eine beliebte Herberge, deren Geschichte ihren Anfang über 30 Jahre zuvor genommen hatte. 1971 bekam ausgerechnet der jugoslawische Architekt Ilija Arnautović den Bauauftrag und stellte mit dem Hotel Obir ein Stück “Feindarchitektur” nach Eisenkappel. Ein Monumentalbau im Stil der Jugo-Moderne, der sich nicht so recht ins restliche Ortsbild einfügen möchte. Dennoch gewöhnten sich die BewohnerInnen von Eisenkappel an den Betonriesen mitten im Ortszentrum – viele Dorffeste fanden dort statt. Eine kleine Gruppe sehnt sich diese Zeit zurück: Zum zehnjährigen Leerstandsjubiläum organisierte der Kulturverein KinoKreativKulturaktiv im Jahr 2013 einen Wiederbelebungsversuch und lud zahlreiche Künstler ein, den 48 Hotelzimmern zumindest für kurze Zeit Leben einzuhauchen. Tiefes  Einatmen ist im Übrigen etwas, was im Hotel, das im Luftkurort Eisenkappel gelegen ist, nicht zu empfehlen ist. Es sei denn, man will die nächsten Stunden damit verbringen, den Staub wieder aus den Lungen zu husten.

Kulturverein Rož St. Jakob im Rosental/Šentjakob v Rožu

In St. Jakob im Rosental ist die Rose (Rož) nicht nur im Ortsnamen ein wichtiger Bestandteil, sondern auch im Bereich der Kultur. Armin Assingers unentdecktes Stimmdouble Marjan Štikar hegt und pflegt als Leiter den slowenischen Kulturverein Rož. Štikar führt durch die in einem unbenutzten Kinosaal installierte Ausstellung “Vermessungsamt / Geodetski urad”. Die Ausstellung erinnert daran, wie Nazi-”Wissenschaftler” im Sommer 1938 Nasen, Haut und Haar der Bewohner von Sankt Jakob im Zuge “rassenkundlicher” Forschungen vermaßen. Während des Zweiten Weltkrieges wurden in St. Jakob zahlreiche slowenischsprachige Gemeindebürger zwangsausgesiedelt und in Konzentrationslager deportiert.

Fliege ein Engel über das Holzdach könnte man das die Gedenkhalle glatt mit einer weihnachtlichen Krippe verwechseln – Foto: Matteo Eichhorn

Mit fast 120 Jahren ist der Kulturverein einer der ältesten Österreichs und nicht nur für die slowenische Volksgruppe in Kärnten von unschätzbarem Wert. Jede Veranstaltung, jedes Theaterstück wird im großen Veranstaltungssaal zweisprachig aufgeführt – ein Kampf gegen den Sprachenschwund. Als Kind, erzählt Štikar, sei er einer von 36 Kindern in seiner Schule gewesen, die auch slowenischsprachig aufgewachsen sind. Heute sei er der einzige, der die Sprache an seine eigenen Kinder weitergegeben habe. „Als Bub wurde ich dafür geprügelt, Slowenisch zu sprechen”, erzählt Štikar. „In Klagenfurt wurde ich mit einem ‘Tschuschen raus!’ aus dem Bus geworfen.” Als hätte man – typisch österreichisch – aus der Geschichte nichts gelernt, steht immer noch unkommentiert ein überdimensional großes Abwehrkampf-Denkmal direkt an jener Straße, die auch am Kulturzentrum vorbeiführt. Im Inneren der – 1937 unter dem Austrofaschismus gebauten  – Gedenkhalle halten fünf in Stein gemeißelte, bewaffnete Männer ewige Wache. Geschrieben steht: “Für ein deutsches Kärnten”. Kernstock hätte es hier getaugt. 

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