Für die Freiheit der Flüsse

Von Philipp Florian HörmannAuf dem Balkan finden sich die letzten naturbelassenen Flüsse Europas. Für Mensch und Tier bilden diese artenreichen Ökosysteme eine wichtige Lebensgrundlage. Doch dem droht ein Ende: Fast 2800 Wasserkraftwerke sollen hier in den nächsten Jahren errichtet werden – ein Vorhaben, das auf heftigen Widerstand bei Einheimischen und Umweltschützer*nnen stößt. Einer der lautesten Aktivisten ist der Slowene Rok Rozman.

Rok ist noch etwas schlaftrunken. Die letzten Tage sind alle etwas länger geworden. Mit schlaffen Augenlidern sitzt er an einem rustikalen Holztisch vor der kleinen Camp-Bar und frühstückt. Mit Daumen und Zeigefinger hält er einen Löffel und rührt seinen Kaffee um. Zwischen Zeige- und Mittelfinger ist eine selbstgedrehte Zigarette eingeklemmt. Keine zehn Meter unterhalb der Terrasse rauscht die türkisfarbene Soča zwischen engen Felsen hindurch. Wir befinden uns im Kamp Koren, einem Öko-Campingplatz nahe der kleinen slowenischen Ortschaft Kobarid. Überall sieht man zum Trocknen aufgehängte Neoprenanzüge. Kanus und Kajaks stapeln sich zwischen den Wohnmobilen. Plakate an den Wänden der Holzhütten werben für Rafting- und Canyoning-Trips. Die Soča ist ein El Dorado für Wassersportbegeisterte und Naturverliebte. In Slowenien gilt sie als der schönste Fluss Europas. Das liegt vor allem daran, dass sie in ihrem oberen Flusslauf völlig naturbelassen ist. Ihr Bachbett wurde nie begradigt, kein Staudamm stört ihr stetes Dahinfließen. Und so bahnt sich der Fluss mit reißender Geschwindigkeit seinen Weg zwischen den steinernen Gipfeln der Julischen Alpen hindurch. „Die wohl dümmste Idee überhaupt ist es, hier ein Wasserkraftwerk bauen zu wollen!“, schimpft Rok und beißt von seinem Croissant ab. Er ist selbst leidenschaftlicher Kajakfahrer und lebt hier auf dem Campingplatz. Fast täglich ist er mit seinem Boot auf dem Fluss. Dass es diesen überhaupt noch gibt, ist dabei ein kleines Wunder.

Die Soča in Trnovo, der nächsten Ortschaft flussaufwärts vom Kamp Koren – Foto: Philipp Hörmann

Mitte der 60er wollte das Energieunternehmen SING aus dem nahen Nova Gorica zwei Wasserkraftwerke an der oberen Soča errichten, erzählt Rok: „Die wollten genau an dieser Stelle hier einen Staudamm bauen. Wo wir sitzen, wären wir dann 45 Meter unter Wasser. Das ganze Tal wäre ein einziger See.“ Dass dieses Vorhaben nie umgesetzt wurde, ist der Verdienst von vier jungen Studenten. Trotz der drohenden Gefahr, als Widerständler in den Gefängnissen des kommunistischen Regimes zu enden, verteilten sie damals Flugblätter und unternahmen Protestaktionen gegen den Kraftwerksbau. Mit Erfolg: Ein Gesetz aus dem Jahre 1976 verbietet seitdem die Errichtung von Kraftwerken an der Soča. „Das ist eines der besten Gesetze dieser Art in Europa“, erzählt Rok. „Und trotzdem will dieses Unternehmen hier noch immer Kraftwerke bauen. Das ist so empörend, dass wir nicht aufhören werden zu protestieren, bis sie offiziell versprechen, dass es keine Dämme im oberen Verlauf der Soča mehr geben wird.“

Mit ‚wir‘ meint Rok sich sowie all seine Mitstreiter*nnen. Und das sind ziemlich viele. Erst letzte Woche, Mitte Juli, waren gut 150 Personen hier. Das erklärt auch seinen Schlafmangel. Seit mittlerweile vier Jahren organisiert er mit seinem Team im Rahmen seiner Kampagne Balkan River Defence jährlich die sogenannte Balkan Rivers Tour. Dabei geht es darum, durch Protestaktionen auf die drohende Verbauung der wilden Balkanflüsse aufmerksam zu machen. Am Samstag paddelten dutzende Teilnehmer*nnen in Kajaks, Kanus und Raftingbooten medienwirksam die Soča hinab – mit dabei der schwimmende Schriftzug Free Soča. Im April war man bereits eine Woche in Rumänien, Ende September in Bulgarien. Balkan River Defence setzt sich nicht nur für den Schutz der Soča ein, sondern will alle Flüsse auf der Balkanhalbinsel vor der Zerstörung bewahren. Und dieses Vorhaben hat es in sich: Während in Mitteleuropa schon nahezu sämtliche Flüsse mit Wasserkraftwerken bespickt sind, blieben die Gewässer des Balkans aufgrund der politischen Unruhen der vergangenen Jahrzehnte bislang nahezu unangetastet. Doch mit dem Frieden ist auch ein beispielloser Run auf Wasserkraft in der Region entstanden. Fast 2800 Kraftwerke sind nun zwischen Slowenien und Griechenland geplant. 

Die Soča-Flottille bei der Protestaktion am 13. Juli – Foto: Mitja Legat 

Die Kehrseite der Wasserkraft

Doch warum setzen sich Rok und seine Mitstreiter*nnen so vehement gegen den Ausbau der Wasserkraft ein? Sollte man als UmweltaktivistIn in Zeiten der immer spürbarer werdenden Klimakrise den Ausbau erneuerbarer Energie nicht vielmehr unterstützen? Hier auf dem Balkan gehe es bei vielen Staudamm-Projekten gar nicht darum, Energie zu produzieren, erklärt Rok. Vielmehr stecke hinter den meisten Bauvorhaben ein rein finanzielles Interesse: „Es gibt viele Leute, die diese Flüsse allein des Geldes wegen zähmen wollen.“ Dazu würden vorrangig die Wasserkraft-Lobby, die Bau-Lobby sowie ausländische Investoren zählen: „Diese drei formen ein bestens organisiertes Netzwerk. Die errichten seit 140 Jahren gemeinsam Staudämme. Die wissen, wie man das macht. Das sind keine Rookies.“ Wie das funktionieren könnte, schildert er anhand einer kleinen Anekdote:

„Einmal saß ich in einer Bar neben einem Typen, der in der Elektroindustrie arbeitet. Ich fragte ihn, warum zum Teufel sie nicht einfach Solaranlagen statt Staudämmen bauen könnten. Er antwortete: ‘Nun, jeder weiß, wie viel eine Solarzelle und die vier Schrauben zum Befestigen kosten. Dabei kann man nicht bescheißen. Es gibt keine Möglichkeit, Geld zu scheffeln. Wenn wir aber Staudämme bauen, weiß keiner, wie viele Kubikmeter Beton wir dafür brauchen, wie viele Kilometer Straßen wir anlegen und wie viele Felsen wir wegsprengen müssen. Zu Baubeginn sagen wir, dass das Kraftwerk eine Million kosten wird. Ein Jahr später kommen wir drauf, dass das Terrain schwierig ist und das Kraftwerk doch drei Millionen kostet. Dann streichen wir den Gewinn ein und fahren mit den Bulldozern zum nächsten Fluss.‘ Und genau so machen die das auch!”

Um ein Wasserkraftwerk bauen zu dürfen, benötigt es zwar eine Konzession von amtlicher Seite – für Rok jedoch keine ernstzunehmende Hürde: „Sie verbünden sich einfach mit der Politik. Und das funktioniert hier auf dem Balkan nicht selten durch Bestechungsgelder – wodurch die ganze Geschichte so richtig übel wird.”

Rok Rozman beim Interview in der Campbar des Kamp Koren – Foto: Philipp Hörmann 

Drastische Folgen

Wie so oft, wenn es um’s Geld geht, ist auch hier die Natur der große Verlierer: Laut einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) sind in der Region exakt 2796 neue Wasserkraftwerke geplant. 1031 davon sollen in Naturschutzgebieten errichtet werden, 118 sogar in Nationalparks. Bei den meisten dieser geplanten Kraftwerke handelt es sich um sogenannte Staukraftwerke. Hierbei wird Energie gewonnen, indem aus einem Stausee in einem Schwall Wasser abgelassen wird. Dazu ist es nötig, den Fluss zunächst durch einen Staudamm aufzustauen. Diese bis zu mehreren Dutzend Meter hohen Betonwände stellen einen massiven Eingriff in das Ökosystem Fluss dar: Sie bilden eine unüberwindbare Hürde für stromaufwärts wandernde Fische – demselben Bericht der NZZ nach prognostizieren Studien den Rückgang von 75 Prozent aller Fischarten, sollten alle geplanten Kraftwerke gebaut werden. Das stehende Wasser fördert zudem das Wachstum giftiger Algen, wodurch sich die Wasserqualität verschlechtert. Zudem wird der Transport von Sedimenten und Mineralien gestoppt. Diese Nährstoffe und Materialien fehlen anschließend nachfolgenden Landstrichen, wodurch die Fruchtbarkeit der Böden abnimmt. Zwar ist die Energiegewinnung durch Wasserkraft an sich nahezu CO2-neutral, jedoch werden bei der Errichtung von Staudämmen hohe Mengen des klimaschädlichen Gases freigesetzt, da für die Staubecken oftmals weitläufige Waldbestände gerodet und zudem Unmengen an Beton verbaut werden, für dessen Produktion wiederum der äußerst klimaschädliche Zement nötig ist. Manche Forscher*innen gehen gar davon aus, dass der klimaschädliche Einfluss aller weltweiten Staudämme in etwa gleich hoch sein dürfte wie jener des gesamten Flugverkehrs. 

Um derartige Umweltschäden so gering wie möglich zu halten, ist ab einer gewissen Kraftwerksgröße eigentlich eine sogenannte Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) vorgeschrieben. Diese Überprüfung sei laut Rok hier am Balkan in vielen Fällen eine bloße Formsache und nicht das Papier wert, auf dem sie gedruckt sei. Der Fehler liege dabei im System: „Die UVP wird etwa in Slowenien von den Investoren in Auftrag gegeben und bezahlt“, so Rok. „Und das ist katastrophal. Das Unternehmen wird so über kurz oder lang immer eine positive UVP bekommen. Nur ein Beispiel: Ein Unternehmen hat zehn Millionen Euro Investitionsbudget. Und dann ist da dieser eine ausgebrannte Biologe, der kurz vorm Konkurs steht und seine Familie kaum noch ernähren kann. Sie bieten ihm 400 000 Euro, wenn die UVP positiv ausfällt. Wie wird das wohl ausgehen?“ Sobald einmal eine positive UVP vorliegt, darf die Firma entgegen jedweder Einwände mit dem Bau des Kraftwerks beginnen. 

In Podsela befindet sich nach fast 70 freien Fließkilometern das erste Wasserkraftwerk auf der Soča – Foto: Jan Pirnat

In den meisten Ländern des Balkans ist eine UVP aber ohnehin erst ab einer Leistung von zehn Megawatt vorgeschrieben. Gut 90 Prozent der knapp 3000 geplanten Kraftwerke liegen unter dieser Grenze. Ein kleines Kraftwerk bedeutet jedoch nicht, dass auch dessen Auswirkungen auf die Natur gering sind, erläutert Rok: „Kleinkraftwerke sind meistens sogar schlimmer als große Kraftwerke. Denn Kleinkraftwerke schädigen den Fluss genauso wie ein großes Kraftwerk. Nur, dass es davon viel mehr gibt und dadurch noch viel mehr Flüsse zerstört werden.“ So werden für ein Kleinkraftwerk oftmals mehrere kleine Bäche zusammengeleitet, wodurch ganze Flussläufe viel weniger Wasser führen oder gar gänzlich trockengelegt werden. Pflanzen und Tiere verlieren dadurch ihren gewohnten Lebensraum, ganze Landstriche trocknen aus. Die dabei produzierte Energiemenge ist – vor allem im Verhältnis zum angerichteten Schaden – äußerst gering: „Die meisten dieser Kraftwerke sind so unglaublich klein – ich würde sie sogar eher als ‘Micro‘ bezeichnen –, dass viele von ihnen eine Leistung von gerade einmal ein bis zwei Megawatt haben. Das ist praktisch nichts!“  Diese Menge reicht in etwa aus, um 300 Haushalte zu versorgen. Leitet man den Strom jedoch über weite Strecken – große Mengen des Wasserkraftstroms werden vom Balkan nach Mitteleuropa exportiert – verringert sich dieser Wert nochmals durch den sogenannten Übertragungsverlust. 

Im Alleingang

Im Kamp Koren scheinen die Gäste ihrem Alternativ-Level nach geordnet zu sein. Im unteren Bereich, nahe des Flusses, sitzen deutsche Familien und Rentner*nnen vor polierten Wohnmobilen in komfortablen Campingstühlen. Wandert man den Hang hinauf, werden Haare und Bärte der Camper immer länger, auffallend viele Frauen tragen Dreadlocks, Kinder laufen barfuß über den steinigen Boden. Ganz oben, im hintersten Eck der Anlage, steht ein großes weißes Zelt, das mit Schnüren an den umstehenden Bäumen vertäut ist. Gut ein Dutzend Kajaks in verschiedenen Farben ist daneben angehäuft. Auf einem mit buntem Graffiti verzierten Wohnwagen prangt der Schriftzug ‚Let it flow!‘. Hier befindet sich das Hauptquartier von Balkan River Defence. Gemeinsam mit seiner kanadischen Freundin Carmen wohnt Rok fast ganzjährig im Kamp Koren. Die Arbeit, die er in seine NGO namens Leeway Collective investiert, die hinter Balkan River Defence steckt, gleicht einer Vollzeitbeschäftigung. Dass es ihn hierher verschlagen und er sein Leben voll und ganz dem Schutz wilder Flüsse verschrieben hat, ist vielen – oftmals sehr spontanen – Wendungen in den vergangenen Jahren geschuldet. Nur eines blieb die ganze Zeit hindurch bestehen: Eine stete Nähe zum Wasser. 

Das Hauptquartier von Balkan River Defence im hintersten Winkel des Kamp Koren – Foto: Philipp Hörmann

Rok wuchs im Tal der Save auf – dem größten Fluss Sloweniens. Im Alter von vier Jahren nahm ihn sein Vater das erste Mal zum Fischen mit an den Fluss. Fisch hat er damals keinen gefangen. Dafür hatte der Fluss ihn an der Angel. Von diesem Tag an spielte sich Roks Leben immer näher an Fließgewässern ab: Mit acht sei er bereits selbst ein Fischermann gewesen, sagt er. Mit 16 begann er zu rudern. Bald danach kaufte er sich mit seinem ersten hart ersparten Geld ein Kajak und fuhr wochenends zur Soča. Wenngleich er das Kajakfahren immer bevorzugte, wollte es das Schicksal, dass er Profi-Ruderer wurde. Bei den Olympischen Spielen in Peking 2008 wurde er mit seiner Mannschaft Vierter. Ein Jahr später holte er im Vierer-Boot bei der Ruder-WM in Polen die Bronze-Medaille. Bevor ihm der ganz große Durchbruch gelang, bekam er Probleme mit dem Rücken, die ihn aus dem Boot zwangen. Nach der erfolgreichen Genesung hängte er den Profisport – mit dem er ohnehin nie richtig glücklich wurde – an den Nagel, nahm sein vormals begonnenes Biologiestudium wieder auf und begab sich 2014 mit seinem Kajak auf eine Weltreise, bei der es ihn auf die wildesten und exotischsten Flüsse der Erde verschlug. „So kam alles zusammen: Je mehr ich Kajak fuhr, desto mehr realisierte ich, was für ein großes Problem Staudämme darstellen“, erzählt Rok. Besonders prägend war dabei die Begegnung mit dem Australier Ben Webb bei einem Kajaktrip in Chile. Webb könnte man als südamerikanisches Vorgängermodell von Rok bezeichnen: Der Australier kämpft seit zwei Jahren gegen fünf riesige Wasserkraftwerke, die auf dem Río Marañón – dem heiligen Quellfluss des Amazonas – in Peru geplant sind. Neben der massiven Umweltzerstörung soll für diese Projekte auch die indigene Bevölkerung aus ihrer seit Jahrtausenden angestammten Heimat im Flusstal vertrieben werden. Dabei agieren die dahintersteckenden Lobbies äußerst skrupellos: Im Amazonasgebiet passiert es nicht selten, dass Umweltschützer*innen wegen Protestmaßnahmen Opfer massiver Gewalt oder gar ermordet werden.

Als Rok von seiner Reise heimkehrte, hatte sich sein Weltbild gehörig verändert: „In der Schule wurde uns beigebracht, dass Wasserkraft das Beste und die Lösung für alle Probleme ist. Aber als ich begann, mein eigenes Gehirn zu benutzen und all diese Erfahrungen machte, dachte ich mir: Ok, das sehe ich nun anders.“  So machte er sich daran, über die Situation auf dem Balkan zu recherchieren. Und plötzlich stand diese unvorstellbare Zahl von 2800 geplanten Wasserkraftwerken im Raum – von der bis auf ein paar Expert*innen und NGOs niemand etwas wusste. Ein Umstand, den Rok schnellstmöglich ändern wollte: „Ich habe über das Ganze nicht länger als eine halbe Stunde nachgedacht. Ich sagte nur zu mir: Du kannst dich jetzt verdammt nochmal nicht einfach hinsetzen und zusehen, wie jene Flüsse zerstört werden, die du so sehr liebst.“ In seinem Kopf reifte die Idee einer medienwirksamen Protestaktion – der Balkan Rivers Tour. Da er dafür aus rechtlichen Gründen eine NGO im Hintergrund brauchte, gründete Rok kurzerhand eine: „Ich ging ins Rathaus und unterzeichnete all die nötigen Dokumente und diesen ganzen Mist, ohne davor auch nur meinen Eltern zu erzählen, was ich eigentlich vorhatte. Aber das ist eben die Moral des Balkans: Wir planen nicht. Wir tun’s einfach und schauen dann, was passiert.”

Roks Wohnwagen mit der markanten Aufschrift ist bei jeder Tour dabei – Foto: Philipp Hörmann

Protest mittels Kajak und Paddel – Balkan Rivers Tour 1

Getreu diesem Motto verliefen auch die Planungen für diese erste Balkan Rivers Tour im Jahre 2015: Spätnachts in einer Bar öffnete der nicht mehr ganz nüchterne Kajakfahrer Google Maps auf seinem Handy und malte eine rote Linie entlang einiger Balkanflüsse – schon war die Route festgelegt. Ähnlich spontan stellte er sein Team zusammen: „Eine Woche, bevor ich losfuhr, klapperte ich noch einige Bars ab und trieb dort zwei Fotografen und einen Videofilmer auf, die mich begleiteten.”  

Zusammen paddelten sie einen Monat lang der roten Linie folgend durch alle Länder des Balkans – und das so medienwirksam und auffällig wie möglich. Mit den oft bereits seit Jahren tätigen NGOs vor Ort unternahmen die Kajakfahrer gemeinsame Protestaktionen, um die Öffentlichkeit auf die drohende Verbauung dieser artenreichen Gewässer aufmerksam zu machen. „Wir haben also nicht etwa rechtliche Schritte unternommen, um die Staudammprojekte aufzuhalten. Wir sind einfach da runtergefahren und haben die Emotionen angefacht“, erzählt Rok. Und das funktionierte erstaunlich gut: „Unsere erste Tour öffnete vielen Leuten die Augen. Sie waren vollkommen geschockt vom immensen Umfang dieses Problems. Einige wussten zwar, dass in der Nähe ihres Dorfes ein Kraftwerk geplant war. Aber sie wussten nicht, dass insgesamt 2800 Kraftwerke auf dem ganzen Balkan gebaut werden sollten. Viele beschlossen daher sofort, etwas dagegen zu unternehmen.“ 

Dazu gehörten etwa Kindergartenkinder aus Boveč, einer Nachbargemeinde von Kobarid: Diese schrieben Gedichte über die Soča, die das Dorf durchfließt und den Lebensmittelpunkt vieler Einheimischer bildet. „Wir haben gezittert und geweint, als uns die Kinder ihre Gedichte vorgelesen haben“, erinnert sich Rok. Daher machten sie sich gemeinsam am nächsten Tag zum Bürgermeister von Boveč – Valter Mlekuž – auf, um diesem ebenfalls die Gedichte vorzutragen. Auch der Bürgermeister sei daraufhin völlig ergriffen gewesen und sagte im Trubel seiner Emotionen folgenden Satz: „Liebe Kinder, solange ich Bürgermeister bin, wird es keine Kraftwerke auf der Soča geben!‘” Eine Aussage, zu der er bis heute steht. Für Rok belegt diese Geschichte, dass man auch mit friedlichen Mitteln gegen einen übermächtigen Gegner erfolgreich sein kann: „Die Hydro-Lobby hat das Geld und den Einfluss. Aber wir haben Leidenschaft und Emotion. Das sind die Waffen unseres Duells.“

In einem ruhigeren Abschnitt der Soča nahe Boveč unternehmen Kajakneulinge ihre ersten Paddelschwünge – Foto: Philipp Hörmann

Mit ebendiesen Waffen konnte Roks Team bei der ersten Tour bereits sieben Kraftwerkspläne in Bosnien und Rumänien stoppen. Diese Errungenschaft will er sich aber nicht auf die eigene Fahne heften: „Wir konnten diese Projekte nur stoppen, weil lokale NGOs jahrelang daraufhin gearbeitet haben, aber der finale Push fehlte. Dann kamen wir angepaddelt und stellten den Investor oder die Baufirma hinter dem fadenscheinigen Projekt öffentlich an den Pranger. Die wollten dann plötzlich nicht in einem schlechten Licht dastehen und haben sich zurückgezogen.“ Zu diesen ausländischen Investoren zählen unter anderem einige hochrangige europäische Banken. Wie die NGO Bankwatch aufdeckte, gehören dazu etwa die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, die Europäische Investitionsbank und die Weltbankgruppe. Gemeinsam gewährten sie Kredite in Höhe von insgesamt 727 Millionen Euro, die für die Errichtung von 82 Wasserkraftwerken vorgesehen sind. 37 dieser Projekte befinden sich in Naturschutzgebieten. Demselben Bericht nach sind auch die österreichische Erste Bank sowie die italienische Unicredit Bank im Wasserkraftsektor am Balkan aktiv. Die NGO konnte ihnen zumindest je 28 Projektfinanzierungen zuschreiben. 

Die meisten Kraftwerksprojekte werden aber von lokalen Energieunternehmen und Baufirmen getragen, die unter keinem so großen öffentlichen Druck wie renommierte Banken stehen. Diese lassen sich daher nicht so einfach verscheuchen – und schrecken auch vor Einschüchterungsversuchen nicht zurück: „Ich bekomme regelmäßig unheimliche Anrufe, anonyme Mails und so ein Zeug“, erzählt Rok. „Das ist manchmal etwas gruselig, aber andererseits: Wenn sie so weit gehen, dann ist das ein Zeichen, dass wir die richtigen Hebel betätigen. Wir sind ihnen auf den Fersen. Wenn sie sich über unsere Aktionen keine Gedanken machen würden, würden sie uns schließlich in Ruhe lassen.“ Seinen Kontrahenten mit gleichen Mitteln zu begegnen, davon hält er aber wenig: „Wir brauchen für unseren Protest keine fiesen Tricks oder gar Gewalt. Wir sind nie aggressiv oder schlägern uns mit irgendjemanden. Wir schreien manchmal zwar, aber wir beschimpfen dabei niemanden, sondern erheben einfach unsere Stimme für die Natur.“

Teamwork 

So spontan die Planung verlief, so lange dauerte es, bis Rok bewusst wurde, auf was er sich da eingelassen hatte: „Anfangs dachte ich, wir machen diese eine Tour, dann weiß jeder Bescheid und unsere Aufgabe ist erledigt.” Doch dem war nicht so. Aus der Balkan Rivers Tour wuchs die Kampagne Balkan River Defence. Die Arbeit ging weiter. Und zwar als Ein-Mann-Betrieb: Rok kümmerte sich um die Organisation von Events, regelte die Finanzen, arrangierte weitere Protestaktionen und versuchte, sich mit anderen NGOs zu vernetzen. Zusätzlich musste er noch irgendwie Geld nebenher verdienen. „Die ersten zwei Jahre waren sehr brutal, da ich kein fixes Einkommen hatte“, blickt Rok zurück. „Ich arbeitete quasi durchgängig an dieser Sache, um danach meinen Freund, der eine Metallwerkstatt hat, anzurufen. Dort arbeitete ich dann für einen Monat wie verrückt, damit ich das Geld für die nächsten zwei Monate auftreiben konnte, um mich danach wieder voll ins Projekt zu hängen.“ Vor lauter Arbeit begann er auch das Kajakfahren – seine größte Leidenschaft – zu vernachlässigen: „Meine Freunde riefen mich zwei Jahre lang regelmäßig an, ob ich mit zum Kajak fahren komme. Ich arbeitete an meinem Computer und sagte immer nur: Leute, ich habe keine Zeit! So war ich am Ende nur mehr zehn bis zwanzig Mal im Jahr Kajak fahren. Und dann wurde ich krank…“ Die folgenden fünf Monate seines Lebens verbrachte Rok mit einem schweren Burn-Out im Bett. Während seine NGO kurz vor dem Ende stand, hatte er ausreichend Gelegenheit, seine bisherige Arbeitsweise zu überdenken: „Ich lernte es damals auf die harte Tour, dass man auch rasten muss.“

Über unzählige Hängebrücken lässt sich die Soča auch ohne Kajak überqueren – Foto: Philipp Hörmann

Vier Jahre später haben sich die Dinge grundlegend geändert. Finanziell ist die Arbeit von Balkan Rivers Defence mittlerweile gut abgesichert: Firmen – vor allem namhafte Produzenten aus dem Outdoor-Bereich wie etwa der Kleidungshersteller Patagonia – spenden regelmäßig Geld und Ausrüstung. Dass seine frühere Tätigkeit als Profisportler dabei die ein oder andere Tür geöffnet haben dürfte, gibt Rok ehrlich zu. Zudem ist die Ein-Mann-NGO zu einem fünfköpfigen Team geworden: Während sich Rok neben dem Frühstück die Zeit nimmt, 34 Fragen für diese Geschichte umfassend zu beantworten, sitzen am Nebentisch Vera und Elli vor ihren Laptops und fassen die Ereignisse und Errungenschaften der letzten Woche zusammen. Drei Plätze weiter kümmert sich Roks Freundin Carmen um die Öffentlichkeitsarbeit. Nur Teammitglied Nummer fünf, Katarina, die bei der Event-Planung hilft und zudem für die Finanzen zuständig ist, befindet sich gerade nicht auf dem Campingplatz. Gemeinsam pflegt das Team eine ganz besondere Arbeitsphilosophie, um trotz aller Mühen und Rückschläge, die man wohl oder übel erleidet, nicht die Motivation zu verlieren. Essenziell ist dabei natürlich jene Leidenschaft, die alle fünf gemeinsam haben: „Wir arbeiten acht bis neun Stunden täglich. Aber dann ist es genug. Man kann die Welt nicht an einem einzigen Tag retten. Deshalb gehen wir dann Kajak fahren.“ Hinzu kommen eine optimistische Grundeinstellung und jede Menge Spaß, erklärt Rok: „Denn wenn wir Spaß haben, während wir Widerstand leisten, dann wird es ihnen schwerfallen, uns aufzuhalten. Man kann Negativität nämlich nicht mit Negativität stoppen – dafür aber mit einer positiven Einstellung. Deshalb geben wir ganz ehrlich zu: Ja, wir sind manchmal betrunken. Wir sind oft betrunken! Wir tanzen und feiern – selbst bei jedem noch so kleinen Sieg.“ Demgemäß gibt es kaum eine Protestaktion, die nicht von einer ausgelassenen Party gekrönt wird – natürlich mit regionalem Craft Beer und Bio-Snacks. 

Bevor die Kajaks ins Wasser gelassen und die Bierflaschen geöffnet werden, gilt es aber, einiges zu leisten: Allein die Balkan Rivers Tour, das Aushängeschild der NGO, erfordert monatelange Vorbereitungen. Den Rest des Jahres über halten Rok und sein Team zudem allerhand Infoveranstaltungen ab und nehmen an Podiumsdiskussionen teil. Darüber hinaus steht man in ständigem Kontakt mit kleineren NGOs auf dem Balkan, um fortlaufend über den Fortschritt geplanter Kraftwerke am Laufenden zu sein und notfalls zu gemeinsamen Protestaktionen auszurücken. Die Rolle von Balkan River Defence ist dabei für Rok klar definiert: „Natürlich, wenn ein bunter Haufen Leute aus 25 verschiedenen Ländern mit ihren Kajaks auftaucht und sich gemeinsam irgendeinen Fluss hinunterstürzt, dann tauchen auch die Medien auf. Meistens wollen die dann auch ein Interview von uns, aber wir stellen einen örtlichen Aktivisten vors Mikro. Dieser soll sagen, was gesagt werden muss. Wir sind nur da, um der Lokalbevölkerung eine Stimme zu geben, weil ihnen zuvor niemand zugehört hat. Es geht um deren Heimat und deren Fluss.”

Solide Wissenschaft 

Das Soča-Tal ist nicht nur für Wassersportler*innen ein paradiesischer Ort. Auch zu Fuß lässt sich die Gegend auf unzähligen Wanderwegen erkunden. Folgt man dem Trampelpfad von Boveč nach Kobarid, befindet man sich in einem kontinuierlichen Zustand des Staunens. Während sich die kristallklare Soča zwischen bemoosten Felsbrocken und weißen Schotterbänken dahinschlängelt, ragen beidseits die bewaldeten Berghänge der Julischen Alpen auf. Über unzählige Hängebrücken wechselt man fortlaufend die Uferseiten, hantelt sich direkt an den Felsen im Flussbett entlang oder marschiert über hölzerne Steige in den Steilhängen gut hundert Meter über dem Fluss. Ganz in der Nähe des Kamp Koren beruhigt sich der sonst so tosende Fluss etwas und bietet Wagemutigen die Möglichkeit, ein schnelles Bad in dem eiskalten Wasser zu nehmen. Ein deutscher Vater hüpft mit seinem Sohn im Neoprenanzug etwas ungeschickt von Stein zu Stein. Eine Gruppe Jugendlicher springt der Reihe nach von der gut fünf Meter hohen Hängebrücke und genießt es sichtlich, von den Zuschauenden gefilmt zu werden. Sechs junge Männer nutzen den Fluss wiederum dazu, um Bier einzukühlen. 

Der “Soška pot”-Wanderweg zwischen Trnovo und dem Kamp Koren verläuft direkt im Steilufer des Flusses und verlangt Schwindelfreiheit – Foto: Philipp Hörmann  

Wer sich Gedanken über den Schutz wilder Flüsse macht, dürfte hier wohl ausreichend Inspiration dazu finden. Nicht zuletzt daran dürfte es liegen, dass die Aktionswoche an der Soča Roks Auffassung nach die produktivste in der vierjährigen Geschichte der Balkan Rivers Touren gewesen ist: „Das liegt daran, dass wir erstmals zwei sehr wichtige Dinge kombiniert haben: zum einen all unsere Protestaktionen und zum anderen solide Wissenschaft. Diese beiden Dinge zu vereinen, könnte die ganze Geschichte hier unten massiv verändern.“ Was er damit meint, erläutert er anhand eines Beispiels: „Stell dir eine kleine NGO irgendwo am Balkan mit zwei Angestellten und minimalem Budget vor, die jahrelang trotz massiver Repressionen gegen ein Staudammprojekt ankämpfen und schließlich eine Gerichtsverhandlung bekommen. Die haben einfach nicht das Geld für eine solide Umweltstudie, um den Richter vom Wert des Flusses zu überzeugen. Zeitgleich müssen unzählige Student*innen eine Master-Arbeit oder ihr PHD verfassen. Und wir stellen hier in Zukunft eine Verbindung her.“ Die Vision sieht also folgendermaßen aus: Ein Biologiestudent, der sich für Sedimenttransport interessiert, könnte für seine Masterarbeit Forschungen an einem unberührten Balkan-Fluss anstellen, die womöglich belegen würden, dass ein Wasserkraftwerk an diesem Fluss unrentabel oder ein unverhältnismäßig schwerer Eingriff in das Ökosystem wäre. Diese Masterarbeit könnte dann vor Gericht als Beleg für die Schutzwürdigkeit des Flusses herangezogen werden.

Um Student*innen dafür zu erwärmen, fand zeitgleich mit der Balkan Rivers Tour Mitte Juli erstmals das Students for Rivers Camp statt. Gut dreißig Student*innen aus halb Europa lud man nach vorheriger Bewerbung ins Kamp Koren ein, wo sie fünf Tage lang verschiedenen Vorträgen lauschten. „Wir wollten ihnen eine breite Einsicht geben“, erzählt Vera Knook, eine der beiden Organisatorinnen aus Roks Team. „Wie ein gesunder Fluss überhaupt funktioniert, welche Auswirkungen Wasserkraftwerke haben und was eigentlich hinter diesen ganzen 2800 Plänen steckt: Korruption, Subventionen und all das.“ Elisabeth Dirninger – genannt Elli – die gerade ihren Master in Umwelttechnik macht und die zweite Initiatorin ist, ergänzt: „Dabei hatten wir 15 verschiedene Vortragende. Es gab die verschiedensten Einsichten aus allen Winkeln.“ Darunter war etwa auch ein Universitätsprofessor, der die Ansichten der Wasserkraftkonzerne darlegte.

Viele dieser Expert*innen waren nicht zum ersten Mal mit von der Partie. Unter dem Label River Intellectuals versammelt Balkan River Defence schon seit einiger Zeit Wissenschaftler*innen aus den verschiedensten Disziplinen und Ländern, die durch ihre fachliche Expertise ebenfalls einen Beitrag zum Schutz der wilden Balkanflüsse leisten wollen. Dazu zählen etwa der chilenische Umweltanthropologe Jens Benöhr, die kanadisch-ukrainische Ingenieurin Jessica Droujko sowie ein Universitätsprofessor der Uni Graz, der Biologe Steven Weiss. Er war auch bei der Initiative “Rettet die Mur” dabei, die sich gegen das Wasserkraftwerk in Graz Puntigam einsetzt. Nach all diesen Vorträgen schlossen sich die teilnehmenden Student*innen in kleinere Gruppen zusammen und machten sich daran, gemeinsam Projekte zu entwickeln, die das Ziel verfolgen, auch normale Bürger*innen auf einfache Weise in das Datensammeln für diese wissenschaftlichen Studien einzubinden. Nach getaner Arbeit wurde abends natürlich – der Philosophie von Balkan Rivers Defence entsprechend – gemeinsam mit den Kajakfahrer*innen ordentlich gefeiert.

Elli Dirninger und Vera Knook, die Organisatorinnen des Students-for-Rivers-Camp – Foto: Philipp Hörmann

Kritik und Kompromisse

Die Verbindung aus Aktionismus, Kajakfahren und fröhlichen Partys, die das Markenzeichen von Balkan River Defence darstellt, trifft bei manchen Menschen aber auch auf Unverständnis: „Manche Leute behaupten, dass wir die Flüsse nur aus Eigennutz retten wollen, um weiter Kajak fahren zu können und dass dies furchtbar egoistisch sei“, bedauert Rok. „Aber das ist es nicht. Selbst wenn der eine oder andere Kajakfahrer uns nur unterstützt, um seine Flüsse fürs Kajaken zu retten, so retten wir sie doch für alle: Für unsere Kinder, für die Tiere, für die Natur.” Gegen Ende des Interviews wird der Aktivist, Kajakfahrer und Biologe auch noch etwas philosophisch: „Vor allem hier am Balkan haben Flüsse eine sehr große Symbolkraft. Flüsse sind nämlich keine Grenzen. Flüsse trennen die Menschen nicht. Vielmehr verbinden sie Menschen miteinander. Vor nicht allzu langer Zeit kämpften unsere Völker noch gegeneinander. Die Menschen sind aber mehr als gewillt, die alten Streitigkeiten zu begraben. Gemeinsam für den Schutz eines Flusses einzutreten, hilft ihnen dabei, alte Wunden zu heilen und bringt sie wieder näher zusammen. Schließlich geht es hier nicht darum, nur irgendeinen kleinen Fluss zu retten. Es geht um Gesundheit, um Selbstbestimmung und um eine intakte Natur.“

Trotz all dieser Bemühungen und der vielen investierten Zeit ist Rok aber auch ein gewisser Realitätssinn nicht abhandengekommen: „Natürlich wünscht sich jeder von uns, jeden einzelnen Staudamm stoppen zu können. Aber das ist illusorisch.” Zu groß ist einfach die im Raum stehende Zahl von 2796 geplanten Kraftwerken. „Diese Leute sind gut vernetzt und haben ein Milliarden-Budget, wir hantieren hier höchstens mit einigen Hundertern.“ Deshalb wäre er auch zu einem – durchaus überraschenden – Kompromiss bereit: „Einige Kraftwerke werden wohl gebaut werden. Aber dann sollten wir uns gemeinsam hinsetzen und ausreden, wo man sie am besten baut. Wenn ein großer Fluss bereits zerstört ist, ist es besser, dort noch ein großes Kraftwerk unter Einhaltung sämtlicher Umweltauflagen zu errichten, als hunderte Kleinkraftwerke, die für einen winzigen Energieertrag hunderte kleine Flüsse zerstören.“ Zudem nennt Rok noch eine weitere Möglichkeit, um den Stromgewinn durch Wasserkraft zu erhöhen, ohne dafür einen einzigen weiteren Fluss verbauen zu müssen: indem man alte Kraftwerke aus den 30er- und 40er-Jahren mit zeitgemäßer Technologie ausstattet: „Der Fluss ist eh schon zerstört. Wenn wir diese alten Kraftwerke sanieren und deren Leistung ordentlich erhöhen, können wir dafür unzählige andere Flüsse retten.“ 

Solange seine Kontrahenten jedoch zu keinem Dialog bereit sind, um über derartige Ansätze zu reden, werden Rok und sein Team weiterhin gegen alle geplanten Kraftwerke mobil machen. Dieser Herausforderung wollen sie ihrer Philosophie gemäß gewaltfrei, optimistisch und einer ordentlichen Portion Spaß entgegentreten. Demgemäß fällt auch Roks Antwort auf die letzte Frage an diesem Vormittag – was er mit Beton Sinnvolleres errichten würde als einen Staudamm – aus: „Ich würde einen riesigen Dancefloor damit bauen, um darauf all unsere zukünftigen Errungenschaften feiern zu können!”

Foto: Katja Jemec

Weiterführende Links

Auf dieser interaktiven Karte finden sich sämtliche bestehende, im Bau befindliche und geplante Wasserkraftwerke des Balkans: https://www.balkanrivers.net/en/vmap

Der 30-minütige Dokumentationsfilm “Blue Heart” liefert ein eindrucksvolles Portrait ausgewählter Umweltaktivist*innen, die auf dem Balkan gegen die fortschreitende Flussverbauung ankämpfen. Mit dabei sind einige atemberaubende Aufnahmen jener Flüsse, für deren Fortbestehen gekämpft wird. Natürlich kommt auch Rok zu Wort: https://blueheart.patagonia.com/

Erst im Mai dieses Jahres gelang es unzähligen Umweltschutzorganisationen durch vereintes Engagement (darunter auch Balkan Rivers Defence), acht geplante Wasserkraftwerke auf dem oberen Lauf der Mur in Slowenien zu verhindern. Dieses Gebiet wird nun bald Teil des 5-Länder-UNESCO-Biosphärenpark Mur-Drau-Donau, der sich zwischen der südlichen Steiermark und Rumänien erstrecken soll: https://www.wwf.at/de/mur-drau-donau/

Einen kleinen Einblick in die Sichtweise der Wasserkraftkonzerne bietet die Seite der Verbund AG, Österreichs größtem Elektroversorgungsunternehmen: https://www.verbund.com/de-at/privatkunden/themenwelten/strom-aus-wasserkraft/wasserkraft-vorteile

Dementgegen findet sich auf dieser – vom Outdoor-Unternehmen Patagonia gesponserten – Seite die Gegenargumente der Staudammgegner*innen: https://blueheart.patagonia.com/intl/de/truth/

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